„Die Gesellschaft muss für alle offen sein“

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Rebecca Hummel im Gespräch.  Foto: 

Die aus Eningen stammende und dort nach wie vor lebende Rebecca Hummel kandidiert zum zweiten Mal für den Deutschen Bundestag. Vor vier Jahren scheiterte sie in diesem für sie schweren Wahlkreis Reutlingen, jetzt möchte sie es nochmal wissen. Sie setzt auf das große Thema der SPD, soziale Gerechtigkeit. Nach einem fulminanten Start in den Wahlkampf, für den der Spitzenkandidat Martin Schulz sorgte, herrscht jetzt eher Ernüchterung. Rebecca Hummel ist guter Dinge, Wähler zu gewinnen.

Frau Hummel, die SPD hängt in einem Umfragetief fest, dabei hat es vor wenigen Wochen noch so gut für sie ausgesehen.

Rebecca Hummel Ich glaube, dass es am Ende reicht. Die SPD hat ein gutes Programm vorgelegt. Die letzten Monate haben gezeigt, dass Umfragen sehr schnell kippen können. Wir setzen uns für eine starke SPD ein.

Vor vier Jahren war das nicht der Fall. Sie kandidierten, scheiterten aber. Ist es schwer, sich erneut dem Votum der Wähler zu stellen?

Es ist ein Kampf zwischen Hirn und Herz. Das Direktmandat für die SPD in unserem Wahlkreis ist eine Herausforderung. Aber nichts ist unmöglich. Ich werde versuchen, möglichst viele Menschen direkt zu erreichen und sie von unserem Programm zu überzeugen. Aber im Großen und Ganzen war ich vor vier Jahren mit mir und meinem Ergebnis zufrieden. Mehr war damals nicht drin.

Es stimmt, der Wahlkreis wird von der CDU dominiert. Aber bei der Landtagswahl im vergangenen Jahr hat CDU-Kandidat Karl-Wilhelm Röhm sein Direktmandat nur hauchdünn vor der politisch unerfahrenen Kerstin Lamparter von den Grünen verteidigt. Die Dinge können sich ja auch mal ändern.

Ja, in der Politik ist vieles sehr schnelllebig geworden. Mir ist wichtig, möglichst viele Leute zu erreichen und sie zu überzeugen. Ich denke schon, dass im Wahlkreis Reutlingen Potenzial für die SPD vorhanden ist. Ich stehe dabei gar nicht im Vordergrund, mir geht es nur darum, einen guten Wahlkampf zu machen.

In der Region sind Sie damals vor allem wegen der Marmelade aufgefallen, die Sie selbst gekocht und als Wahlkampf-Gag auch verkauft haben. Binden Sie sich dieses Mal wieder die Schürze um?

Nein. Das war damals eine gute und witzige Aktion, aber ich möchte auf Dauer nicht nur mit Marmelade in Verbindung gebracht werden. Zudem wäre es eine zu große zeitliche Belastung.

Mit welchen Themen wollen Sie die Wähler überzeugen?

Uns geht es um die Teilhabe in der Gesellschaft. Es sollte fair zugehen. Geflüchtete, Menschen mit Handicaps oder kleinem Geldbeutel: Alle sollen das Gefühl haben, dazu zu gehören. Dieser Zusammenhalt hat diese Gesellschaft geprägt. Die Gesellschaft muss für alle offen sein. Das ist der Grundstock. Wir dürfen niemanden aus der Gesellschaft ausschließen. Ein Beispiel: Geflüchtete brauchen Hilfestellung, finden dann aber schnell ihren Platz in der Gesellschaft und werden ein wichtiges Mitglied. Dasselbe gilt für die Inklusion. Es geht um die Barrieren im Kopf. Dabei profitieren alle, wenn Barrieren abgebaut werden. Barrierefreiheit erleichtert allen den Alltag.

Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder hat kürzlich während eines Parteitags gesagt, es bedürfe einer Ausnahmesituation, nur dann werde die SPD gewählt. Schafft es die Debatte um die Ehe für alle, die Menschen so zu mobilisieren, dass dieser Ausnahmezustand eintritt?

Wir führen diese Debatte seit Jahren und haben immer wieder Anträge eingebracht. Nun haben wir gesehen, dass alle Parteien die Ehe für alle zur Bedingung für eine Koalition erklärt haben, daraufhin hat Frau Merkel gesagt, in der kommenden Legislaturperiode könne sie sich vorstellen, dem zuzustimmen. Wir haben dann nur gesagt, wenn sie es nach der Wahl kann, sollte sie es auch vor der Wahl können. Folgerichtig haben wir den Antrag eingebracht, sodass vergangene Woche eine Entscheidung fallen konnte. Darüber freuen wir uns.

Könnte es nicht sein, dass die SPD während des gesamten weiteren Wahlkampfs auf diese Thematik reduziert wird? Das wäre aus Ihrer Sicht schade, denn Ihr Wahlkreis-Konkurrent Michael Donth von der CDU hat ermittelt, dass 99,9 Prozent der hier lebenden Menschen von dieser Neuerung gar nicht betroffen sein werden. Anders formuliert: Es könnte wichtigere Themen geben. Etwa die Spaltung zwischen Arm und Reich. Die Linken fordern fünf Prozent Steuern auf Bankguthaben von mehr als zwei Millionen Euro. Das ist eine einfache und leicht nachvollziehbare Aussage. Was ist an Ihrem Steuerkonzept so herausragend, dass es damit mithalten kann?

Ganz einfach: Unseres ist seriös durchgerechnet. Wir wollen kleinere und mittlere Einkommen entlasten. Starke Schultern können und müssen mehr als schwache tragen. Deshalb machen wir keine Steuerentlastungen mit der Gießkanne. Zudem fordern wir die Rückkehr zur Parität bei Sozialabgaben, dass sich also Arbeitgeber und -nehmer zu gleichen Teilen daran beteiligen. Und wir wollen die Abschmelzung des Solidaritätszuschlags. Wer als Single bis zu 52 000 Euro beziehungsweise als Ehepaar bis zu 104 000 Euro zu versteuerndes Einkommen zur Verfügung hat, muss künftig keinen Solidaritätszuschlag mehr zahlen. Um dies zu finanzieren, werden wir den Spitzensteuersatz auf 45 Prozent anheben, der dann ab 76 200 Euro zu versteuerndem Einkommen für Singles und 152 400 Euro für Ehepaare fällig wird. Mit den Mehr­einnahmen wollen wir ein Investitionsprogramm in Höhe von 30 Milliarden Euro auflegen. Damit wollen wir gebührenfreie Kita-Plätze für alle finanzieren. Für Geringverdiener ist das viel Geld. Oft kommen Frauen zu mir und sagen, was sie in ihren Jobs verdienen, zahlen sie direkt in die Kita.

Wie steht die SPD zu einer Vermögenssteuer?

Das wurde nicht ins Wahlprogramm aufgenommen, denn das schlösse Immobilien und andere Werte mit ein. Aber wir haben eine Reichensteuer, von der sind Einkommen sowie Einkünfte aus Zinserträgen und Gewinne aus Aktienhandel ab 250 000 Euro betroffen.

Wie grenzen sie sich in dieser Frage von den Linken ab?

Unsere Forderungen sind durchgerechnet und gehen am Ende auch auf. Der Unterschied ist die Radikalität. Bei uns steht die Anerkennung der Leistung mit im Vordergrund. Wer sich mehr erarbeitet hat, darf auch mehr verdienen.

Ein Slogan, den auch FDP oder CDU vertreten könnten.

Mit unserem Profil grenzen wir uns von denen durchaus ab. Ein Beispiel ist die Umsetzung des Mindestlohns. Wir stehen auch in anderen Bereichen für die Gesellschaft der Zukunft. Ehe für alle, Integration, Sicherheit, Freiheit. Wir können ganz gut darstellen, welche Gesellschaftsform wir wollen.

Das Thema Sicherheit dürfte während des Wahlkampfs noch oft erörtert werden. Bei all den durchaus unkonventionell agierenden Staatschefs diverser Länder.

Ich glaube, es ist wichtig, auf ein geeintes Europa zu blicken.

Sollten wir mehr Geld für unsere Verteidigung ausgeben?

Wir sind umgeben von Freunden, da ergibt es keinen Sinn, die Zwei-Prozent-Quote der Nato zu erfüllen. Wir sollten eher im Bereich Katastrophenschutz nachbessern.

Geld fehlt auch im Gesundheitssystem. Es mangelt an Hausärzten, und Krankenhäuser werden zunehmend nach betriebswirtschaftlichen Kriterien geführt. Für die Patienten bleibt oft nur wenig Zeit.

Der ländliche Raum kann zumindest bei uns im Landkreis mithalten. Die Versorgung ist mit unserer Klinik an drei Standorten sichergestellt. Aber es stimmt: Der Umgang mit den Menschen wird nicht honoriert. Das gilt nicht nur für Pflegepersonal, sondern auch für Erzieherinnen. Die können von ihrem Gehalt kaum die Familie ernähren. Es sagen jetzt schon viele, sie wollen Pflegemanagement gar nicht erst studieren.

Zu wenig Wohnraum, zu hohe Preise: Solche Zustände müssten für die SPD doch ausgeschlachtet werden können.

Das ist ein großes Problem, nicht erst, seit Geflüchtete zu uns kommen. Die Bedingungen für die Förderung von Sozialwohnungen sind suboptimal. Wir wollen die Rückkehr zur Wohnungsgemeinnützigkeit. Der Investor wird dabei steuerlich entlastet, muss seine Gewinne aber direkt wieder in Wohnraum investieren. Das wurde nach dem Skandal um die Neue Heimat abgeschafft, wäre aber in der jetzigen Situation der richtige Weg.

In Metzingen versucht die Stiftung Communia sozialen Wohnraum über das Erbpachtrecht herzustellen. Was halten sie davon?

Da ist man halt auf Zustiftungen angewiesen, und ob die derzeitige Zinslage der Sache dienlich ist? Ich finde es jedenfalls toll, dass die Stadt Metzingen vorangeht, aber wir werden einen Mix an unterschiedlichen Lösungen brauchen.

Wir werden auch einen Mix aus unterschiedlichen Energien brauchen. Was ist in Sachen Atomausstieg schief gelaufen?

Den hätten wir von der SPD gleich richtig gemacht, die Verträge waren schon geschlossen, alles war in trockenen Tüchern. Dann kam der Regierungswechsel, und die CDU-FDP-Koalition hat den Ausstieg aus dem Ausstieg beschlossen. Nach Fukushima hat Frau Merkel dann den Ausstieg vom Ausstieg aus dem Ausstieg verkündet. Tja, und das kostet jetzt echt viel Geld. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz aus Schröders Zeit war ein guter Wurf.

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