Was ist Wahrheit, was Wirklichkeit?
Die Zukunft der Enthüllung. Macht, Wut, Medien - wo bleibt die Aufklärung? Das ist Thema der neunten Mediendozentur. Gast im Festsaal der Neuen Aula war Enthüllungsjournalist Hans Leyendecker.
Autor: JÜRGEN SPIESS |Was ist Wahrheit? Was ist Wirklichkeit? Wie hat sich Enthüllungs-Journalismus verändert? Und warum wird eigentlich alles, was in der Zeitung steht, mit dem Wort "Journalismus" bezeichnet? Hans Leyendecker stellt diese Fragen bei seinem Vortrag über investigativen Journalismus mit süffisantem Unterton und spannt den Bogen von der weltweiten Zeitungskrise über die Causa Wulff bis zu den Recherchemethoden der Bild-Zeitung, "die sich nach außen gerne einen fürsorglichen Anstrich gibt, in der Praxis jedoch Menschen bedrängt, sie verfolgt und bewusst zerstört".
Für Leyendecker hat Bild nichts mit Journalismus zu tun. Er wettert gegen das Blatt, das mit dafür verantwortlich sei, "dass wir heute so viel Mainstream und Sensationsgier im Journalismus haben". Das Gute im Bösen und das Böse im Guten liegen beim Journalismus eng beieinander, auch und gerade, "weil heutzutage mit dem Wort viel leichtfertiger umgegangen wird".
Der im Rheinland geborene Leyendecker ist seit Ende der 1960er Jahre Journalist, hat für die Westfälische Rundschau und mehr als 18 Jahre als Korrespondent für den "Spiegel" gearbeitet. 1997 wechselte er als leitender politischer Redakteur zur Süddeutschen Zeitung und gilt seither als "bekanntester Enthüllungsjournalist der Republik". Der heute 63-Jährige hat durch seine Recherchen nicht nur die Flick-Affäre und den Parteispendenskandal um Otto Graf Lambsdorff aufgedeckt, er war auch an der Enthüllung der Traumschiff-Affäre um Lothar Späth, des Plutonium-Skandals und der CDU-Spendenaffäre um Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl beteiligt.
Erst jüngst lehnte er den renommierten Henri-Nannen-Preis mit der Begründung ab, "nicht gleichzeitig mit einem Drecks- und Lügenblatt geehrt werden zu wollen". Die Rolle der Bild-Zeitung, die ebenfalls Preisträger für ihre Berichterstattung über die Wulff-Affäre ist, und das veränderte Medienverhalten gerade jüngerer Leute nimmt auch einen großen Anteil seines Vortrags über die Zukunft des Enthüllungs-Journalismus ein. Trotz Informationsflut im Internet werde generell weniger gelesen, auf das Überraschungsmoment in der Zeitung setzten immer weniger. "Bild wird gelesen, nicht obwohl, sondern weil es von nichts handelt". Es gehe ausschließlich um Zerstörung, Erniedrigung und Manipulation.
Auch die Omnipräsenz des Internets sieht er zunehmend kritisch: "Ein Großteil der Sachen, die ich dort lese, sind böse, zynisch, verachtend und zum Teil höchst antidemokratisch". Es gebe immer mehr Menschen, die etwas in Facebook, Twitter oder anderen sozialen Netzwerken publizierten, und das sei meist kritiklos und unqualifiziert. "Das Internet hat seine Unschuld längst verloren", meint Leyendecker und bezeichnet es heute "als brandgefährlich, wenn etwa Wikileaks investigativen Journalismus betreibt, ohne die Quellen zu prüfen und sie hinreichend zu schützen".
Die wichtigsten Voraussetzungen für investigativen Journalisten sind für ihn: "Die vierte Gewalt sollte bei ihrer Arbeit stets ergebnisoffen sein, sie dürfe nicht Politik machen wollen und sich vor allem nicht an die Politik heranschmeißen". An diese Vorgaben habe er sich während seiner 40-jährigen Journalistenkarriere immer gehalten, wenn er auch heute seine Spiegel-Titelgeschichte von 1993 zur angeblichen Hinrichtung des Terroristen Wolfgang Grams in Bad Kleinen als seinen "verheerendsten Fehler" bezeichnet, da er sich damals auf zwei falsche Quellen verließ.
Journalismus ist für Leyendecker nach wie vor eine Passion, auch wenn sich die Bedingungen für diesen Beruf verschärft und nicht zum Guten verändert hätten. Und wer wird Fußball-Europameister, lautete am Ende eine der Fragen aus dem Publikum? "Mit dem Bayern-Block wird das nichts", legt sich der Journalist und Borussia-Dortmund-Fan eindeutig fest.




