Sirtaki im Schrebergarten

Metzingen.  Der eine schreibt über menschliche, der andere äußert sich über kulinarische Abgründe: Die beiden Schriftsteller Finn-Ole Heinrich und Stevan Paul lasen am Montagabend in der Metzinger Buchhandlung Stoll.

Öfter mal was Unbekanntes: Buchhändler Günther Hoch hat die beiden zusammen auf der Frankfurter Buchmesse lesen sehen. Beide sind beim Hamburger Mairisch Verlag unter Vertrag. Und weil ihm beide so gut gefallen haben, hat er sie einfach zu einer gemeinsamen Lesung geladen.

Der Hamburger Finn-Ole Heinrich ist erst Jahrgang 1982 und weilt derzeit in Stuttgart für ein dreimonatiges Literatur-Stipendium. In seinem neuen Buch "Gestern war auch schon ein Tag" schreibt er über "Menschen, denen das Leben gerade ein Knüppel zwischen die Beine geworfen hat", über Menschen, die versuchen, zu dieser "Extremsituation" eine Haltung zu finden, wie Heinrich sagt.

Eine dieser Geschichten beschreibt aus der Ich-Perspektive in recht kindlicher Sprache und krass unbedarftem Tonfall die krude Gedankenwelt eines Heim-Jugendlichen. Henning wird von den stärkeren Jungs gequält, bedroht und misshandelt aber auch seinerseits einen kleinen Jungen aus der Nachbarschaft. Harter Lesestoff, bei dem Finn-Ole Heinrich sein literarisches Einfühlungsvermögen unter Beweis stellt. So erzählt er, wie die Kids sämtliche Beobachtungs-, Analysier- und Pädagogisier-Bemühungen der Erzieher durchschauen und konterkarieren.

Finn-Ole Heinrich literarisiert damit seine Zivildienstzeit-Erfahrungen mit Kindern, die auf den ersten Blick "ganz normal" gewesen seien, dann aber "in Machtsituationen" einen auffälligen "Mangel an Empathie und Mitgefühl" an den Tag legten: "Sie haben überhaupt nicht geschnallt, was sie dem anderen gerade antun", wundert sich Heinrich heute noch.

Auch mit anderen Kurzgeschichten betreibt er literarischen Extremsport. Unter anderem denkt er sich in einen Mann hinein, der aus einer klaren, ehrlichen und tabulosen Ich-Perspektive heraus seine nicht nur holden Alltags- und Liebesgefühle beschreibt, die er durchlebt, nachdem er seine behinderte Freundin aus dem Krankenhaus abholen muss: Sie hat ein Bein verloren.

Für die etwas fröhlicheren Alltagsbeobachtungen ist dann eher Kollege Stevan Paul zuständig. Die leckeren Kurzgeschichten des ehemaligen Kochs und momentanen "Foodstylisten" drehen sich alle ums Kochen und ums Essen und um die Menschen, die das jeweils mit viel Liebe und Leidenschaft betreiben. Demis beispielsweise ist ein lebenslustiger Grieche, der sich in eine Schrebergartenkolonie eingemietet hat - auch eine Extremsituation. Denn dort sprengt er mit seiner offenherzigen Art natürlich binnen kürzester Zeit sämtliche Benimm- und Grillregeln und verführt die spröden Nachbarn zum feinen Mahl samt üppigem Raki-Trinken, bis sich "der Geist Anthony Quinns" in den allgemeinen Sirtaki-"Tanz der Schlachter" einreiht: Der Schrebergarten als interkulturelle Begegnungsstätte in einer Erzählung, die Stevan Paul mit kulinarischem Beiwerk genüsslich garniert und im wahrsten Sinne des Wortes akzentuiert vorliest.

Mit seinem Buch "Monsieur, der Hummer und ich" lässt der schreibende Koch außerdem hinter die Kulissen eines Sternerestaurants blicken. Er erzählt von der panischen Hektik in der Küche, wenn sich mal wieder Testesser Wolfram Siebeck ankündigt, was Paul mit nicht wenig Übertreibungen und mit hübschen Metaphern sehr raffiniert zum Ausdruck bringt und seinen Zuhörern unterhaltsam, spannend und in mehreren Gängen serviert.


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Autor: KATHRIN KIPP | 14.04.2010

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