"S 21 nicht verbessern, sondern verhindern"

Der Mann ist ein wandelndes Archiv. Zahlen, Daten, Pläne zu Stuttgart 21 sind sein Zuhause. Einfach deshalb, weil der Ingenieur den Tiefbahnhof verhindern will. Jetzt war Hans Heydemann zu Gast in Metzingen.

CAROLA EISSLER | 2 Meinungen

Er hat sich nicht "besoffen reden lassen", wie er es gerne ausdrückt. Damals, als Projektmanager der Bahn und deren Unterstützer den Tiefbahnhof Stuttgart 21 und alles, was damit zusammenhängt, vorgestellt haben. Hans Heydemann, pensionierter Ingenieur und Mitstreiter bei den S21-kritischen "Ingenieuren 22", ist fest davon überzeugt, dass der Tiefbahnhof noch verhindert werden kann. Deshalb ist er unermüdlich unterwegs im Land und bei den Montagsdemos, präsentiert Fakten, Hintergründe und Meinungen. Er will aufklären. Und wachrütteln. Auch in Metzingen. Vor einigen Tagen war er auf Einladung der Aktionsgruppe "K 21" hier zu Gast. K steht für Kopfbahnhof und genau den wollen sowohl Heydemann als auch die Metzinger Aktionsgruppe um Gertrud Kleineikenscheidt und Karin Berkemer erhalten.

Sicherheitsbedenken stehen ganz oben auf der Kritikliste der Projektgegner. Und dies nicht erst seit vergangenen Herbst, als die Arbeitsgruppe Brandschutz, bestehend aus Stuttgarter Berufsfeuerwehr und Regierungspräsidium, den Sachstandbericht zum vorgelegten Brandschutz-Konzept des Milliardenprojekts mit dem Einschub: "Es konnten nicht alle Punkte abschließend geklärt werden" versah.

Hans Heydemann jedenfalls ist der Ansicht, dass eigentlich gar nichts geklärt ist. Engstellen an Treppen und Stützpfeilern, steile Treppen, eine nach Ansicht Heydemanns hoch gefährliche Gleisneigung, die der Topografie geschuldet ist. Im Brandfall müssten, sagt Heydemann, 16 000 Menschen über eine nur 2,35 Meter breite Treppe evakuiert werden. Und weil Rauch bekanntlich nach oben steigt, sei die Evakuierung der Reisenden aus dem Tiefbahnhof nach oben eine tödliche Falle. "Eine glatte Fehlplanung", urteilt Heydemann.

Ohnehin, die Abschüssigkeit. Allein im ebenfalls leicht abschüssigen Kölner Bahnhof seit es in den vergangenen Jahren zu 13 Unfällen gekommen, weil Wagen oder Loks sich verselbstständigten. Und wohl jeder erinnere sich noch an den Unfall Ende 2012 im Bahnhof in Feuerbach. Im sieben Kilometer entfernten Kornwestheim hatten sich Güterwaggons selbstständig gemacht und waren in den Feuerbacher Bahnhof gerast. Weil es 4 Uhr in der Frühe war, kam niemand zu Schaden. "Undenkbar, wenn es auch nur eine Stunde später passiert wäre, als die ersten Pendler im Bahnhof standen."

Und dann die Gefahr eines Brandes im unterirdischen Bahnhof. Die Stuttgarter Berufsfeuerwehr hat das Konzept, das im Juni genehmigt werden soll, bereits früh kritisiert und Verbesserungen angemahnt. Seitenlang hat Heydemann die Brand-Unglücksfälle der vergangenen Jahre aufgelistet. "Jedes Jahr kommt es zu 50 bis 60 Bränden bei der Bahn." Und Heydemann fragte die Zuhörer, wie denn die Feuerwehr in den Tiefbahnhof gelangen und löschen soll. "Die Leute rennen genau in den Rauch. Und Rollstuhlfahrer kommen gar nicht mehr raus, weil die Aufzüge im Brandfall bekanntlich nicht mehr benutzt werden dürfen."

Aufklären und sensibilisieren, die Kräfte nochmals mobilisieren gegen das Milliardenprojekt, das sehen Heydemann und seine Mitstreiter als ihre Aufgabe. Auf die Frage eines Zuhörers, was Heydemann denn am Tiefbahnhof verbessern würde, kam die Antwort prompt: "Wir wollen S 21 nicht verbessern, sondern wir wollen S 21 verhindern."

2 Kommentare

20.03.2014 08:45 Uhr

Sehr guter Kommentar!

Sehr geehrter Herr König,

ein hervorragender Kommentar - obwohl Sie selbstverständlich im letzten Satz §4 der unter http://omec.us/ddg/lohnschreiber-regeln.html aufgestellten Lohnschreiber-Regeln beachten, schaffen Sie es, unser Verhalten den unredlichen Stuttgart-21-Gegnern bereits in der Überschrift vorzuwerfen! Sie erhalten daher zusätzlich zu Ihrem Lohnschreiber-Gehalt eine Extra-Prämie - bitte holen Sie sich diese bei Gelegenheit bei meiner Sekretärin ab.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Diethelm Gscheidle
(Verkehrswissenschaftler & Dipl.-Musikexperte)

P.S.: Natürlich können die Aufzüge im Brandfall genutzt werden! Wenn der Brand dann die Technik außer Betrieb setzt ist das gar kein Problem - ein einfaches Einschlagen der Aufzugskabine nebst einem Sprung von 12 Metern in die Flammen auf dem Bahnsteig ermöglicht immer noch ein einfaches Entkommen! Das sollte nun selbst dem letzten Projektgegner einleuchten!

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19.03.2014 21:36 Uhr

Sogenannte Parkschützer beschimpfen Herrn Dietrich ja permanent als "Kommunikationsgreis".

In welche Kategorie wäre da denn Herr Heydemann einzuordnen?

Wieso sollten die Aufzüge des Tiefbahnhofs eigentlich im Brandfall nicht genutzt werden können?

Irgendetwas geistreiches habe ich von Heydemann jedenfalls bisher weder gehört, noch gelesen.

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