Räuber, Rache, Ränkespielchen

Tübingen.  Sie schauspielern sich durch vier Jahrzehnte, bringen vier Uraufführungen aufs Tapet - und balancieren zwischen Goethe-Klassiker und Gernhardt-Satire. Die Macher des Tübinger Zimmertheaters haben viel vor.

Eine Zeitreise. Fast ein halbes Jahrtausend Bühnengeschichte liegt zwischen William Shakespeares "Richard II" (1595) und dem Gewinnerstück des Zimmertheater-Autorenwettbewerbs "Dädalus kam nur bis Panama" (2009) des Gießener Autors (und früheren LTT-Schauspielers) Christian Lugerth. Beide Werke bringt das kleine Altstadttheater in der Saison 2011/2012 auf den Spielplan. Die Intendanten Axel Krauße und Christian Schäfer bieten zudem weitere acht Premieren auf, darunter zwei Gemeinschaftsproduktionen mit Bühnen in Berlin und Hamburg.

So inszeniert Theaterchef Christian Schäfer höchstselbst den Satirereigen "Dr. Seltsams Merkwürdigkeitenschau", und zwar zusammen mit dem "Polittbüro Hamburg". Das Stück ("ein kabarettistisches Best-Of") basiert auf einer Radio-Comic-Serie des hessischen Rundfunks aus den 70er Jahren namens "Hörrohr klar zum Gefecht". Kein geringerer als der Satiriker Robert Gernhardt (1937 bis 2006) startete damit einst seine Karriere.

Oder Hermann Melvilles "Bartleby - eine Verweigerung" von 1812: Das Drama des "Moby Dick"-Erfinders bringen die Zimmertheater-Leute als Koproduktion mit dem "Theater unterm Dach" Berlin auf die Bühne. Gespielt wird dann jeweils in Tübingen wie auch im Norden der Republik.

Die beiden Intendanten freuen sich über die künstlerischen Joint Ventures ("das wollen wir weiter ausbauen") mit Schauspielhäusern in den Metropolen. Ebenso wie über das diesjährige Spielzeit-Motto übrigens: "Familienbande" heißt das Thema - und es findet sich für Schäfer und Krauße gleich im doppelten Wortsinn im Programm wieder. Denn in den Stücken geht es einerseits um Liebe und Macht, um Familienzwist und finanzielle Sorgen - "andererseits aber auch um Rache und räuberische Machenschaften".

Da wäre etwa die Geschichte ums wilde Lagerleben, die in der 50er-Jahre-Film-Variante die Schauspielerin Lieselotte Pulver zum Star machte: Im Juli 2012 gehen die Tübinger mit dem Sommertheater-Schmankerl "Das Wirtshaus zum Spessart" (1828) an die frische Luft. Autor Christian Hansen bearbeitet für die Uraufführung des Zimmertheaters die Erzählung des Märchendichters Wilhelm Hauff, der bekanntlich in Tübingen aufwuchs und am dortigen Stift studierte. "Wir bleiben eng an der Vorlage und an der Hauffschen Sprache", verspricht Regisseur Christian Schäfer. Er hofft nach dem verregneten Sommertheater vom vergangenen Jahr auf viel Publikum im "Wirtshaus".

Ernstere Sujets bedienen die Tübinger mit dem Bühnenklassiker "Die Glasmenagerie" (1944). Ko-Intendant Axel Krauße inszeniert das Familiendrama zum 100. Geburtstag des Südstaaten-Autors Tennessee Williams ("Endstation Sehnsucht") und verspricht psychologisches Schauspiel pur.

Weitere Höhepunkte zum Thema Familie: Die Inszenierung des Wettbewerbs-Siegerstücks "Dädalus" (über einen Versicherungsbetrüger), das die Juroren unter 180 Einsendungen ausgewählt haben. Und "Tatort"-Autor Felix Mitterers Pflegeheim-Drama "Sibirien" (1989), für das Zimmertheater-Schauspieler Robert Arnold die Regie übernimmt. Die Rolle des alten Mannes, der im Heim von seiner Kriegsvergangenheit eingeholt wird, spielt der Vater des Tübinger Ensemblemitglieds, Harald Arnold. Der wiederum steht beim Brandenburger Theater unter Vertrag, womit die dritte Koproduktion perfekt wäre.

Musikalisch aufgepeppt kommt Goethes Trauerspiel "Stella" daher: Die Takte dazu liefert die Berliner Band "Klez.e", deren Sänger die Platten der Erfolgsformation "Juli" produziert.

Uns sonst? Im Ensemble gibts eine Rochade. Roman Roth geht, dafür kommt der Schauspieler Johannes Karl. Die beiden Theaterchefs Axel Krauße und Christian Schäfer bleiben derweil dem Haus treu. Sie haben ihren Vertrag mit der Stadt Tübingen unlängst bis zum Jahr 2013 verlängert.


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Autor: CHRISTINA HÖLZ | 09.06.2011

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