Qualität setzt sich durch

Tübingen.  Im digitalen Zeitalter wird das Ende der Zeitung nur allzu gerne prophezeit. FAZ-Mitherausgeber Dr. Frank Schirrmacher ist da ganz andrer Meinung. In Tübingen war er Gastredner der Mediendozentur.

Das Internet hat den Journalismus zweifelsohne revolutioniert. Denn in Echtzeit tummelt sich dort eine Überfülle an Ereignissen, wird jedem noch so abseitigen Geschehnis Platz eingeräumt, um Fläche zu füllen und den Nutzern Abwechslung zu bieten.

Angesichts dieser Entwicklung scheinen Tageszeitungen bereits mit dem Druck veraltet, wenn sich das Internet an den Inhalten bereits abgearbeitet hat. Einer, der trotz alledem nicht das Ende der Zeitungen prophezeit, ist der Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen" (FAZ), Dr. Frank Schirrmacher. Er widmete dem Thema im Rahmen eines Workshops an der Uni Tübingen dieser Tage fast anderthalb Stunden und erklärte: "Die Zeitung ist eine Evolutionsgeschichte."

Und die habe sich nicht nur vom Tyrannosaurus Rex zur Brieftaube im Eiltempo abgespielt. Die seit rund zehn Jahren andauernde Debatte habe auch zu einer höchst unbefriedigenden Situation geführt und sei eine völlig andere als die längst vorangegangenen Auseinandersetzungen.

Den Unterschied macht Schirrmacher vor allem daran fest, dass alle Teilnehmer der heutigen Diskussion ihre eigenen ökonomischen Interessen vertreten würden. Wobei das Internet ein kapitalistischer Marktplatz sei und es nicht um den Kulturkampf alte gegen neue Medien gehe. Dies sei eine optische Täuschung.

Vielmehr drehe sich mittlerweile alles um Klicks und Visits, mit denen ein Quotendruck entstanden sei - und die andererseits den Verlagen die Möglichkeit bieten, das zu analysieren, was beim Nutzer ankommt. Genau hier setzt jedoch Schirrmachers Kritik an: "Es entsteht allmählich eine Welt, in der nur noch vorkommt, was interessiert." Weshalb er den derzeitigen Wandel auch als "industrielle Revolution des Geistes und des Denkens" bezeichnet. Letztlich werde damit aber der Geschmack der Allgemeinheit bedient und die geistige Arbeit industrialisiert.

Zeitungen bilden für Schirrmacher hingegen eine Ganzheit ab. Und da würde eben beispielsweise auch das Feuilleton dazugehören, auch wenn es die vermeintlich brotlosen Künste behandle.

Trotzdem: Die bisherige Wertschöpfungskette ist aus Sicht Schirrmachers brüchig geworden. Denn Geld werde nun mit Anzeigen auf "unjournalistischen Plattformen" erwirtschaftet, für die ein redaktioneller Hintergrund nicht mehr notwendig sei. Wobei das Beispiel Google zeige, dass dort nicht das Ideal des Wissens der Menschheit vermittelt werde. Vielmehr könnten Suchergebnisse bereits durch kleine Algorithmen beeinflusst werden.

Zudem würden immer mehr Texte zu Verkaufstexten. Und obwohl das Internet mit seiner ständigen Verfügbarkeit für alle das Evangelium der ersten zehn Jahre des 21. Jahrhundertes gewesen sei, müsste die Vielzahl der Informationen nicht nur aufgenommen werden, sie müsste auch erst mal die Menschen erreichen. Denn was nütze der genialste Gedanke, wenn er von niemandem gelesen werde?

Kritik übt Schirrmacher darüber hinaus an der Tatsache, dass drei große Privatunternehmen - Google, Facebook und Twitter - darüber entscheiden, wer wen erreicht. Angesichts dieser Selektion sagt er: "Wir haben hier einen Darwinismus." Oder: Privatunternehmen könnten demnach darüber entscheiden, wer im World Wide Web gefunden wird.

"Viele Erkenntnisse wird es nicht mehr geben", prophezeit Schirrmacher, wenn es nur noch darum gehe, Dinge zu verbreiten, die für das Gros der Nutzer von Interesse seien. Letztlich stelle sich mit dem Internet aber auch die Frage nach der Bewertung und nach dem Wert geistiger Arbeit, wenn alles kostenlos zur Verfügung gestellt wird.

Schirrmachers Fazit: Qualitätszeitungen werden sich auch in Zukunft durchsetzen. Allerdings sei es ein großer Fehler, wenn Zeitungen auf mehr Unterhaltung setzen - anstelle von Nachrichten und anstelle fundierter Information.


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Autor: JAN ZAWADIL | 06.07.2011

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