Machtspiele im Inselcamp

Melchingen.  Auch im Theater gilt: Stillstand ist der Anfang vom Ende. Gerade nach 31 Jahren Erfolgsgeschichte. Jetzt haben sich die Lindenhöfler mal wieder neu sortiert - mit einem "Sturm"- Spuk, der es in sich hat.

Nun - nach der Stiftungsgründung, nach der Ausweitung auf insgesamt 21 Partnerstädte und nach dem 30. Geburtstag 2011 - könntens die Lindenhöfler etwas gemächlicher angehen. Oder? Sollte man wenigstens meinen. Doch das Regionaltheater-Dasein ist auch ein ständiger Überlebenskampf, ein aufreibender Spagat zwischen den verschiedenen Fangruppen, die alle "typisches" Lindenhof-Theater erwarten - nur dass die einen auch mal einen schrillen "Volpone" verkraften, die anderen aber eher auf herkömmlicher Kost a la "Entaklemmer" bestehen.

Bei diesem Es-allen-recht-machen-Wollen ist manchmal guter Rat teuer. "Wie weitermachen", wenn "Traurigkeit uns umhüllt", fragt Bernhard Hurms Lonso irgendwann - und wie an vielen Stellen dieser ungewöhnlichen, bemerkenswerten Inszenierung greifen Theater und Leben, Fiktion und Realität hier sehr eng ineinander.

Auch der Umstand, dass diese freie "Sturm"-Fassung von Kathrin Krumbein und Albrecht Hirche in ein durchaus heutig anmutendes Inselcamp, in eine Art Therapie-Lager verlegt wird, hat etwas damit zu tun, dass sich die Melchinger - wieder einmal - selbst prüfen, weiterentwickeln und erneuern wollen: mit Impulsen von außen und mit eigenen Nachwuchskräften. Gleich vorweg: Der Versuch einer Neuorientierung ist, mit kleinen Längen zu Anfang, gelungen.

Wir erleben mit einem stark runderneuerten Ensemble vielschichtiges, zeitgenössisches Theater (Hirche inszeniert sonst am Berliner Gorki oder am Staatsschauspiel Hannover), intelligent, spielfreudig und hoch dialektisch durchwirkt: bizarr und saukomisch, up-to-date und mit barocken Perücken, stürmisch und entschleunigt, lebensprall und geisterhaft - kurz, ein Schatten-Spiel zwischen gestern und heute, im zwielichtigen Halbdunkel zwischen Shakespeareschem Welttheater und einer Stückbefragung im Jetzt, zwischen Magie und Komödie. Am Ende sagt jemand einen Satz, der genausogut auf die gegenwärtige Such- und Orientierungskrise des Lindenhofs zutrifft: "Wir fanden uns selbst, als niemand bei sich war."

Prospero ist in diesem beachtlichen Shakespeare-Versuch eine Frau - eine alleinerziehende Mutter, deren Gatte Tonio sie, eine erfolgreiche Architektin, kalt ausrangiert und ausgebootet hat. Doch auch Tonio scheitert und gerät unfreiwillig in ein Inselcamp, in jenes Umerziehungs-Lager, das die abgeschobene Prospero inzwischen aufgebaut hat - die Machtverhältnisse haben sich gedreht. Dieses Drunter und Drüber wirkt bei Hirche wie ein spukhafter Kampf, in dem einst Mächtige sich als Demontierte wiederfinden und umgekehrt.

Liebesversprechen und Marktgesetze, Romantik und Zynismus knallen aufeinander, angereichert mit chorisch zelebriertem Pop-Liedgut ("My body is a cage", "Last Christmas"). Das Ensemble? Spielt erstaunlich gut auf. Stellvertretend für alle: Silke Buchholz produziert als weißhaarige Inselcamp-Fürstin Prospero auch schon mal wilden Tastendonner am Klavier, und Oliver Moumouris gibt einen abgründig schrägen Zirkusdirektor Aliban (geklont aus Ariel und Caliban).

Nach zweieinhalb Stunden hat dieser Selbstversuch der Lindenhöfler mit einem sehenswert upgedateten Shakespeare ein Ende. Auf der Sonnenalb ist es sibirisch kalt - mehr als 20 Grad minus. Man tritt ins Offene und fühlt: Die Lindenhöfler haben sich, wieder einmal, frei gespielt. Und neu erfunden.


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Autor: OTTO PAUL BURKHARDT | 06.02.2012

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