Kulturaustausch, der Spaß macht

Metzingen.  Ein riesiger Platz, außen herum Stände und in der Mitte verloren sich vor der Bühne an drei Tagen zumeist nur ein paar wenige Dutzend Menschen - das Afrika-Festival hätte mehr Besucher verdient gehabt.

"Wo sind denn nur die Zuschauer?" Diese Frage hatten laut Organisatorin Susan Muyang Tatah einige Künstler am Freitag gestellt. Erschreckend wenige Besucher hatten sich da auf das Festivalgelände verirrt, was sicherlich auch mit an der schlechten Ausschilderung, an der kaum vorhandenen Plakatierung lag. Aber auch an dem Umstand, dass der Bongertwasen weit vom Bahnhof entfernt ist. "Viele Afrikaner hier aus der Region haben nun mal kein Auto und müssen mit der Bahn kommen."

Dabei sei das Festival beileibe nicht nur für Afrikaner bestimmt - im Gegenteil: "Wir machen hier ja ein Kulturaustausch-Programm", sagt die 33jährige Frau aus Kamerun, die seit zehn Jahren in Reutlingen lebt, mit Sunjo Tatah verheiratet ist, zwei eigene Kinder hat und noch zwei adoptierte.

Obendrein führt sie in Reutlingen ein Restaurant und wird in Kürze ihr Master-Studium im Bereich Marketing an der Reutlinger Hochschule abschließen. Als Krönung organisiert sie zusammen mit ihrem Mann und dem Kulturverein "Kamerun Nord-West" das Afrika-Festival. Sie tut das allerdings nicht nur so nebenbei, sondern mit Herz und Seele: "Wenn wir nur mehr Unterstützung hätten, Sponsoren, dann könnte aus unserem Festival so ein großes werden wie in Würzburg", sagt Tatah mit glänzenden Augen. Das ist das größte überhaupt in Europa und hat in 22 Jahren insgesamt 1,7 Millionen Menschen angelockt.

Davon ist das hiesige Afrika-Festival noch weit entfernt, aber - es war ja auch erst die vierte Veranstaltung dieser Art in der Region. Dabei hatten auch am vergangenen Wochenende zahlreiche Künstler, die in Fachkreisen wohlklingende Namen tragen, versucht, die afrikanische Lebensweise, Musik, Kultur und Lebensfreude an die Festbesucher weiterzugeben. Doch nicht nur am Freitag, auch am Samstag ließ die Resonanz zu wünschen übrig, wenn sie auch ein wenig besser war. "Wir müssen hier für den Platz zahlen, dazu noch Strom und Wasser", sagt Susan Muyang Tatah. Das Geld will erst mal eingenommen sein. "Am Freitag waren es keine 200 Euro, die wir durch die Eintrittspreise erhalten haben." Von einem "finanziellen Disaster" sprach gar Friedemann Salzer, der am Sonntag den ökumenischen Gottesdienst hielt.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: So manche Händler seien auf dem Fuß wieder umgekehrt, als sie sahen, dass das Festival so schlecht besucht war. Beim nächsten Mal kommen sie vielleicht gar nicht mehr. Doch die Organisatorin, die gleichzeitig auch die Vorsitzende des Kulturvereins ist, lässt nicht locker und will nicht in Trübsal versinken. "Nein, ich bin nicht traurig, wir feiern trotzdem." Nach dem Festival wird sie das Gespräch mit der Stadt Metzingen suchen und nachfragen, ob eine weitere Unterstützung nicht möglich sei. "Das, was wir machen, ist schließlich eine Bildungsmaßnahme, die sollte doch gefördert werden", sagt sie. Auch Firmen und Institutionen könnten sich nach Tatahs Auffassung liebend gern beteiligen. "Wenn das Festival so groß würde wie in Würzburg, mit vielen Zehntausenden Besuchern, dann würde auch der Outlet-Verkauf hier profitieren", spekuliert die 33-Jährige.

Ein Lichtblick war am Wochenende immerhin der ökumenische Gottesdienst am Sonntagmorgen, der war nämlich ausgesprochen gut besucht. Aber das hat die Organisatorin ja schon vorher gewusst. Ebenso, dass die Sonne während der gesamten Veranstaltungstage scheinen würde. "Das Wetter war bisher bei unserem Festival immer gut, das zeigt doch, dass Gott mit uns ist", sagt die 33-Jährige und lacht fröhlich. Susan Muyang Tatah lässt sich nicht unterkriegen und nimmt all den Aufwand genauso wie ihre Arbeit im eigenen Restaurant und in der Familie gelassen hin. "Ich bin schließlich in einem Dorf in Kamerun aufgewachsen, ohne Strom und ohne fließendes Wasser", sagt sie. Täglich harte Arbeit ist sie deshalb von klein auf gewöhnt, die Belastungen, die sie hier auf sich nimmt, seien deshalb doch gar nicht so groß.

Einen Tipp muss sie aber noch an ihre afrikanischen Landsleute loswerden: "Bildung ist der Schlüssel zu allem", ist sie überzeugt. In Afrika gebe es genug Bodenschätze und ausreichend Manpower, so dass eigentlich niemand seine Heimat verlassen müsste. Aber: Bildung muss für jeden ermöglicht werden. Die afrikanischen Flüchtlinge in Deutschland forderte sie auf, unbedingt deutsch zu lernen - zumal "die Deutschkurse ja umsonst sind". Aber auch die Deutschen müssten noch dazu lernen. Nämlich, dass der Austausch der Kulturen auch Spaß machen kann. Wie beim Afrika-Festival am vergangenen Wochenende.


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Autor: NORBERT LEISTER | 06.09.2010

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