Kabarett vom Feinsten

Das Kult-Event "Five Live", Kabarett-Hopping mit fünf Virtuosen in fünf einzigartigen Locations, war ein "Dessert-Buffet zum Durchkosten: Man lässt sich treiben. Der Abend steckt voller Überraschungen."

ANGELA STEIDLE |

Ist die Grenze der Satire die nächste Moschee? Darf die Angst vor „Islamisten in Bombenlaune“ dazu führen, dass sie den Mund hält? Nein! Was hat Alfred Mittermeiers bayrischer Grantl, das ihm immer noch eine Spitze mehr erlaubt? Haarscharf und ein bisschen über der Kante zum bitterbösen Zynismus.

„Millionen Menschen sind auf der Flucht und die Europäische Union fragt sich nicht, wie haben wir das geschafft?“ Gängige Praxis zwischen Kondom-Norm und der „Halluzination der grenzenlosen Freiheit“ ist: „Je schlechter wir die Menschen behandeln, umso weniger wollen hierher.“ Dabei ist die Lösung so einfach: Alle Nazis im Gegenzug nach Ungarn, dann sind dort wenigstens die nächsten Wahlen gesichert. Niedersachsen ist eh dicht, die müssen jetzt neun Millionen VWs aufnehmen. Und „ohne syrische Fachkräfte wird der Berliner Flughafen sowieso nie fertig. So schaut’s aus!“

Von der Leyens marode Truppe im Kampf gegen einen österreichischen Schützenverein bedeutet freilich nicht, „dass mit G 36 endlich auch der letzte Depp das Abitur schafft“. Bayern expandiert demnächst am liebsten nach Österreich, um die Ziele der Energie-Spirale umzusetzen: mit drehbaren Gipfelkreuze, Minaretten mit Propeller und einem eigenen Kraftwerk für Seehofers Vorgarten: „Weil der so viel Wind macht.“

Was hat der Islam mit der Emanzipation am Hut und was bringt uns die neue Frauenquote für Aufsichtsräte, außer Gehaltseinsparungen? - Die Quote und die Gleich-Berechtigung folgen einer einfachen Logik: „Wie soll sich ein Mann nach oben schlafen, wenn da keine Frau sitzt?“ Mittermeier nimmt’s in der Vinothek sportlich: 45 Minuten Abwatschen fürs „Weltgeschehen“ härten ab für den Fall, „dass uns der Russe mal wieder entgegenkommt“.

Dagegen ist Marius Jungs verdichtete und gerappte deutsche Nationalhymne im zugigen Holy-Keller ein Schlag in die Magengegend – der das Zwerchfell tanzen lässt. Der optimalpigmentierte, Münchhausen-bügelglatte Hochdeutsche darf das. Weil: „Neger werden selten als Deutsche entlarvt“. Die berechtigte Frage: „Was oder wer repräsentiert Deutschland?“ ist keine Frage: „Für den schwarzen Mann lauern überall Gefahren.“ Was für ihn „der weltoffenen Kommunikation die letzte Freundlichkeit nimmt“ ist: „ungefragtes Wuscheln in der Afro-Krause“ und „ugha - ugha“ als Willkommen. Wuschel-Mohr Jung ist nicht niedlich! Seine empörenden Tabubrüche treffen, wo sie sollen.

Die Leidenschaft von Christopher Köhlers hemdsärmliger Mentalmagie sind Spiele mit dem Publikum, in der robusten Bierbank-Atmosphäre der Metzinger Festkelter. Russisch Roulett mit dem Industrie-Tacker, bloß weil Lanas Bauchgefühl sagt: „Der da ist nicht geladen.“ Auf die Gefahr hin: „Ich sach mal so – vielleicht ist heute nicht mein Tag.“ Zerschnippelte 20-Euro-Scheine, die in der verschweißten Chipsdose wieder auftauchen. Halbverdaute Papierknäuel als Endlosware vom smarten Marco wieder an Land gezogen. Köhlers Masche klebt an der Aufmerksamkeit seiner Fans als gebe es kein Morgen.

Die kuscheligste aller Locations hat Ruhrpott-Barde Matthias Reuter gelost: In der Gemeindebücherei ist das E-Piano auf Bibi-Blocksbergs Kochbuch aufgebockt. Dabei ist der Oberhausener so klein nun auch wieder nicht. Vor allem mit dem Mundwerk, das Sätze sammelnd vor sich hinschnoddert. „Ein friedliches Hobby“, prophezeit der Alltags-Poet knapp vor dem Übergang zur nonverbalen Kopfnuss. Die deeskalierende Lyrik aus Skript und Songbook verheddert sich im Gerangel mit dem Dativ und Verkehrs-regulierenden Eindeutigkeiten im skurrilen Oberhausener Dialekt.

Vor den bauchigen Fässern der schnuckeligen Bühne im Weinbaumuseum steht ein Koffer. Was bei Tim Beckers Bauchgesprächen da alles an skurrilen Charakteren heraushüpft ist magisch, verzaubernd und angespitzt frech. Der gelernte Zauberer leiht seinen Fantasiefiguren nicht nur Bauch und Sprachen. Er teilt auch die diebische Freude am Überraschungseffekt.

Die Kult-Veranstaltung „Five Live“, inszeniert vom Veranstaltungsring Metzingen in Coproduktion mit Metzingen Marketing und Tourismus war für die Besucher ein „Desser-Buffet zum Durchkosten“, in einer „gelösten Atmosphäre“ in „fantastischen Locations“, „geistreich, humorvoll, nachdenklich“ und mit einem „anregenden Publikum“: Man geht nicht mit bestimmten Erwartungen hin. Man lässt sich treiben, ist offen für alles. Der Abend steckt voller Überraschungen. . .

 

Einen ausführlichen Bericht über den Aufrtitt von Tim Becker finden Sie auf Seite 18.

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