Jenseits von Afrika
Tübingen. Fünf Menschheitsretter am Rande des Nervenzusammenbruchs: Wer liefert die beste Charity-Show? Ralf Siebelt inszeniert Ingrid Lausunds makabre Spenden-Satire am LTT lustig und vielschichtig.
Für zehn Euro einen Cocktail bestellen oder einem Kind in Afrika das Leben retten? Oder den Cocktail gleich in die Spendenbox schütten? Wieviel kostet ein Mensch? Und was ist er wert? Soll beim Benefiz-Abend eine echte Afrikanerin auftreten? Oder wird sie da nur vorgeführt?
Solche und andere knifflige Fragen, die man eigentlich gar nicht stellen darf, kommen in dem Stück "Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner" aufs Tapet. Ingrid Lausund hat sich ein äußerst heikles Thema ausgesucht, um menschliche Schwächen und Eitelkeiten vorzuführen.
Die makabre Komödie mit vielen Unter- und Obertönen sorgt seit 2004 landauf landab für viel Zuschauerzuspruch - warum? Weil sie einerseits "ganz ganz schlimm" die Scheinheiligkeit und Phrasendrescherei entlarvt, mit der "Solidarität", Charity und politische, moralische und ökologische Korrektheit teilweise praktiziert werden, weil sie andererseits - wie jede gute Satire - einen echten Wirklichkeitsbezug hat. Denn "Afrikas Elend ist von Menschen gemacht".
Und am Ende steht da tatsächlich eine Spendenbox, "an der man sich vorbeimogelt". Die Zuschauer werden auf ihr eigenes Pharisäertum gestoßen, mit der man billige Kinderarbeits-T-Shirts kauft, während man gegen das Spenden tausend Ausreden parat hat. Und so proben die fünf Macher ihr vorbildliches Projekt einer Spenden-Gala und diskutieren mehr oder weniger emotional, welche Masche am besten zieht: Betroffenheit, Glaubwürdigkeit, Kitsch, Mitleid, Gänsehautfeeling, schlechtes Gewissen, Authentizität, Konfrontation, Schock, Sex, Glamour, Barmherzigkeit oder Unterhaltung.
Dazwischen stapfen sie in jedes vorstellbare rassistische und sexistische Fettnäpfchen sowie in jede Menge selbst gestellte Fallen, verzetteln sich in Klischees und Eitelkeiten. Ihnen dabei zuzusehen, ist sehr lustig, auch wenns gleichzeitig weh tut. Regisseur Ralf Siebelt hat die pfiffigen, bissigen, doppelzüngigen und hinterlistigen Dialoge entsprechend knackig eingestellt. So trudeln die fünf Spenden-Freunde ein und prahlen mit ihren Erfolgen in Sachen Charity-Prominenz: "Harald Schmidt hat sehr nett abgesagt." "Dieter Baumann? Der braucht doch selber Benefiz!" "Heiner Kondschak? So weit kommts noch." Hinten hängt schon die fertige Deko: eine große Leinwand mit Savanne, Baum und Sonne - Direktimport aus "Jenseits von Afrika" (Ausstattung: Hannah Landes).
Auf der Bühne stehen plexigläserne Stehtischchen mit Giraffen und schwarzen Frauen als exotische Stützen. Vorne der Catering-Tisch, an dems die klassischen Zickereien gibt, wer was liegen lässt und wer wieviel einkauft. Es menschelt sehr, die Nerven liegen blank, und dauernd will einer aussteigen.
Die LTT-Schauspieler jedenfalls bringen ihre Charaktere dezent überzogen, aber wirkungsvoll zur Geltung und zünden somit einen sarkastischen Gag nach dem anderen, verfangen sich in Wortklaubereien, Kämpfen um Macht und Aufmerksamkeit. In den Vordergrund spielt sich die lokalprominente Blondine Christine (Nadia Migdal), die verbissen engagiert und narzistisch veranlagt ist und die andern leidenschaftlich maßregelt, weil sies echt nicht draufhaben.
Sie selbst hält sich für turboprofessionell und betrachtet eine erfolgreiche Spendensammlung als eine Frage der richtigen Performance, beispielsweise "spontane Umarmungen". Aber auch sie hat ihre emotionale Rede nur geklaut.
Ina Fritsche wiederum spielt die Moralapostelin Eva mit Hang zu hysterischer Dramatik. Diese Eva wittert überall Ungerechtigkeiten, findet alles "ganz ganz schlimm" und möchte sich auf keinen Fall kolonialisieren lassen. Auch nicht von den musikalischen Vorzeichen in ihrem Barbara-Streisand-Song, die sie deshalb kurzerhand streicht. Ständig kämpft sie mit den Tränen und ihren Gefühlen, mit ihrem schlechten Gewissen und ihrer Verfressenheit.
Leo (David Liske) ist der beleidigte Clown der Spenden-Zirkus-Truppe, der alle Aussteiger wieder zurück ins Boot holt. Er hat einen tollen Song komponiert, der sich allerdings als afrikanisierte Version vom "Eiermann" herausstellt.
Rainer (Christian Beppo Peters) kuckt wie Zahnweh und ist komplett verpeilt: "Da gibt es überall psychische Kinder." Er redet sich um Kopf und Kragen und steht auf Christine. Der bibelfeste Eckard (Gotthard Sinn) schließlich predigt Nächstenliebe und hält eine beeindruckende Brand- und Wutrede, die den Zuschauern in Mark und Bein geht, dann aber doch für ein "bisschen zu lang" gehalten wird.
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Autor: KATHRIN KIPP | 07.02.2012
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