INTERVIEW MIT DEKAN HARALD KLINGLER: "Christliche Werte nicht aufgeben"

Die christlichen Kirchen suchen die Annäherung an die Muslime. Dekan Harald Klingler erhofft sich viel von Gesprächen. Warnt aber davor, christliche Überzeugungen und Werte zur Disposition zu stellen.

Herr Dekan Klingler, allerorten gibt es jetzt christlich-islamische Dialogveranstaltungen. Woher kommt das gegenwärtige Interesse?

HARALD KLINGLER: Wir müssen uns damit auseinander setzen, dass Muslime dauerhaft hier leben. Und auf beiden Seiten gibt es sehr viel Unkenntnis voneinander. Deshalb ist es unbedingt wichtig, dass Gespräche stattfinden. Schließlich ist dies der beste Weg, um sich kennen zu lernen.

Der Vater des schwäbischen Pietismus, Johann Albrecht Bengel, hat geraten, sich nicht in eine Diskussion einzulassen, ohne Sachkenntnis zu besitzen. Manchmal hat man den Eindruck, als fehle es den dialogführenden Kirchenvertretern gerade an dieser Sachkenntnis.

KLINGLER: Das möchte ich in dieser Schärfe nicht beurteilen. Ich anerkenne das Bemühen und das Anliegen, Dialoge zu führen. Das bedeutet, sich kundig zu machen, aber auch, dass jeder alles sagen darf, also auch das Problematische benennen darf.

Gerade daran mangelt es aber oft. Kritiker wie zum Beispiel der bekannte Islamwissenschaftler und Muslim Bassam Tibi sprechen deshalb von einem "verlogenen Dialog", der da geführt werde. Eben weil heikle Punkte nicht angesprochen und Werte zur Disposition gestellt werden.

KLINGLER: Das muss klar sein: Weichspülen bringt nichts. Für mich heißt Dialog, dass wir unseren Glauben einbringen und die anderen ihren natürlich auch. Beide Dialogpartner haben eine Bekenntnisbasis und das muss auch deutlich werden dürfen.

Zum Beispiel?

KLINGLER: Die Bedeutung Jesu ist für uns Christen unaufgebbar im Zentrum des Glaubens. Ganz anders als im Islam. Oder ich möchte fragen dürfen, weshalb in der Türkei keine Kirchen gebaut werden dürfen und warum der türkische Staat den Christen das Leben schwer macht. Warum Christen in islamischen Ländern keine Glaubensfreiheit haben. Ein Gespräch, in dem Unterschiede und Kritikpunkte nicht benannt werden dürfen, bringt nichts.

Warum ist es meist so schwierig, gerade über diese Kritikpunkte ins Gespräch und in den Dialog zu kommen?

KLINGLER: Die Gesprächspartner möchten sich zunächst einmal nicht verletzen. Auch ist es schwierig, den Muslimen hier in Deutschland etwa die Politik der Türkei vorzuhalten. Zugleich muss man bedenken, dass der Islam keine Aufklärung hinter sich hat. Und das heißt, Kritisches wird auch anders verstanden.

Die sozio-politische Herausforderung im Islam liegt im Einheitsverständnis von Staat und Religion. Nach islamischem Verständnis muss die Gesellschaft islamkonform sein.

KLINGLER: Ja, Muslime haben ein anderes Staatsverständnis. Sie haben auch als Staatsbürger eine viel stärkere religiöse Verwurzelung. Ihre Religion bestimmt das Alltagsleben. Das ist für uns Christen im Grunde eine Herausforderung. Zugleich müssen wir Muslimen vermitteln, dass nach unserem Staatsverständnis jeder seine Glaubenshaltung selbst bestimmen darf. Jeder hat dieses Recht auf Freiheit. Es ist ein Menschenrecht.

Das müsste also der gemeinsame Konsens sein, ein Wertemaßstab, der anerkannt werden muss.

KLINGLER: Hier gilt unsere Tradition des christlichen Abendlandes. Diese Wurzeln bestimmen unsere Werte. Das möchte ich nicht aufgeben, das darf nicht aufgegeben werden.

Muslime glauben an Allah, die Christen an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, den Vater Jesu Christi. Bei den Muslimen ist Jesus ein Prophet, bei den Christen der Sohn Gottes. Kann es Ihrer Ansicht nach trotz der Glaubensunterschiede gemeinsame Gottesdienste geben?

KLINGLER: Nein. Wir wollen ja keine Moschee-Kirche haben. Und keine Kirchen-Moschee. Muslime dürfen zu uns in den Gottesdienst kommen, oder ich kann in die Moschee gehen. Aber wenn wir Christen Gottesdienst feiern, tun wir dies im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Dieses Bekenntnis ist unaufgebbar. Kein gläubiger Muslim kann unter dieser Voraussetzung Gottesdienst feiern. Und Christen können nicht zu Allah beten. Interreligiöse Gottesdienste sind Augenwischerei.

Was erhoffen Sie sich vom christlich-islamischen Dialog. Und welche Rolle könnte die Kirche dabei einnehmen?

KLINGLER: Es ist wichtig, dass die Kirche sich am Dialogprozess beteiligt. Dort, wo miteinander geredet wird, entstehen nicht so leicht Missverständnisse oder gar Feindbilder. Das ist eine alte Weisheit. Dabei wird es aber immer wichtiger, dass wir Christen unseren Glauben glaubhaft leben, damit auch unser Christsein überzeugender wird. Das ist eine hohe Berufung und eine große Herausforderung.


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Autor: CAROLA EISSLER | 23.04.2010

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