Global vernetzte Klangmelange

Tübingen.  Kurzweilig, kreativ und voll urgründiger Schrägheit: Die Gruppe "Three" rund um die Sängerin Lauren Newton ließ bei einer Bild-Klang-Performance in der Sudhaus-Peripherie ihrer Fantasie freien Lauf.

Die amerikanische Vokalistin Lauren Newton, die seit 37 Jahren in Tübingen lebt, gilt bei vielen noch immer als Jazzsängerin, wogegen sie sich vehement abgrenzt: "In diese Schublade lasse ich mich nicht schieben. Ich würde meine Musik eher als global vernetzten und improvisierten Gesang bezeichnen, der seine höchste Form erreicht, wenn ich selbst davon überrascht werde."

Überrascht zeigten sich auch die Besucher von der Visual-Music-Performance, die sie dieser Tage von Newton, ihrem japanischen Ehemann Koho Mori-Newton und dem Stuttgarter Medienkünstler Wolf Nkole Helzle geboten bekamen. Denn die drei Avantgardisten lieben das Überschreiten von Genregrenzen. Das Zusammenspiel von elektronischen Klängen, Gesang und Visual-Performance wird bei ihnen zum physischen Erlebnis. Dabei tritt Newtons variationsreiche Stimme in Kommunikation mit den großformatigen Menschenporträts, die Wolf Nkole Helzle weltweit fotografierte und nun im Sudhaus auf japanische Seidenstoffbahnen projiziert. Dazu kreiert Koho Mori-Newton perkussive Elektroniksounds, indem er eine mit einem Metallstück verbundene Saite mit einem Eisenstab bearbeitet.

Alles scheint sich in einem Zwischenreich abzuspielen: Zwischen Klängen, Bildern und wortlosem Gesang. Zum Auftakt der Performance ist die Bühne leer, Newtons Stimme ertönt leise und geheimnisvoll aus dem Dunkel. Wie in Zeitlupe bewegt sie sich im weißen Seiden-Kimono, verschmilzt mit den ineinander fließenden Gesichtern, wird ebenfalls zur Projektionsfläche.

Dabei wird ihr Singen zum rituellen Skandieren, und die Musik legt sich mit alles vereinnehmender Kraft über das Publikum. Leise hechelnder Beschwörungsgesang und sanftes Girren und Gurren wechseln fließend in dramatische Sound-Ballungen. Mit Geräuchen wie von einer anderen Welt kreiert sie eine neuartige, kunstvoll gebrochene und verbundene Form.

Eine eigensinnige, 45-minütige Performance, bei der sich die Künstler wenig um konventionelles Musikverständnis scheren. Lauren Newton überzeugt dabei nicht durch eingängige Melodielinien, sondern mit ungeheurer Vielstimmigkeit und abwechslungsreichen Klangnuancierungen. Mal hört sich ihr Singsang wie orientalischer Betgesang an, im nächsten Moment fühlt man sich in einen Käfig zwitschernder Vögel versetzt. Bestimmt keine Musik, die den konventionellen Hörergeschmack trifft. Dafür eine ausgefallene und waghalsige Darbietung.

Das begeisterte Publikum erlebt Performer, die musikalisches Neuland beackern, bis es tatsächlich irgendwann fruchtbar wird. Wenn sie lange genug weitermachen, entsteht daraus vielleicht auch so etwas wie Musik. Zu erleben ist das ein weiteres Mal am kommenden Freitag - ebenfalls im Sudhaus.


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Autor: JÜRGEN SPIESS | 17.05.2011

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