Die neue Berliner Lässigkeit

Hi-Fi trifft auf Lo-Fi, meditative Rhythmik auf filigrane Sounds: "Schiller" stellte in der Ludwigsburger Arena sein neues Album "Atemlos" vor. Ein Konzert zum Entspannen. 2500 Fans hörten gut zwei Stunden andächtig zu.

JÜRGEN SPIESS |

Ludwigsbur - Es gibt ein paar Worte, die der Berliner Soundtüftler Christopher von Deylen gar nicht mag. "Chill-out" ist eines davon - vor allem wenn es darum geht, den Musikstil seines Projekts Schiller zu charakterisieren. Ausgangspunkt seiner Musik sind oft bombastisch anmutende Sounds, mal mit Synthesizer-Klängen unterlegt, mal begleitet vom Gesang einer der drei Gastsängerinnen Anggun, Kim und Kate. In den Sphären, in denen sich Schillers fünfköpfige Band am wohlsten fühlt, kreisen Stücke wie "Polarstern", "Tiefblau" und "Das Glockenspiel" versonnen um melodieverliebte Harmonien.

Auf Dauer hat das einen hypnotisierenden, fast einschläfernden Effekt. Aber der Meister des Global Pop schafft mit seiner Musik auch einen Kosmos, der den schmalen Grat zwischen Amüsement und Raffinesse zu nutzen weiß. Denn diese Musik lädt zum Verweilen und gleichzeitig zum Tanzen ein. Die Stücke klingen nicht überproduziert, bleiben erstaunlich transparent. Man spürt zu jeder Zeit, dass die Band bereits seit mehr als zwölf Jahren zusammenspielt.

Von Deylen selbst thront hinter seinem Synthesizer, spricht nicht viel, konzentriert sich ausschließlich auf seine Musik. Er gibt aus dem Hintergrund meist den Ton an, entscheidet, ob der Trip zurück in die achtziger Jahre oder in die Zukunft geht. Auch seine fünf Mitmusiker halten von Bühnenshow wenig, stellen allein die Musik in den Mittelpunkt. Aufgebrochen wird das konzentrierte Spiel vor allem dann, wenn eine der Gastsängerinnen ans Mikrofon tritt. Sie sorgen dafür, dass binnen weniger Minuten Bewegung ins Publikum kommt. Vor allem die ganz in schwarz gekleidete Anggun aus Indonesien präsentiert sich ganz entspannt im Hier und Jetzt. In Songs wie "Blind", "Innocent Lies" oder "Always you" offenbart die in Paris lebende Sängerin nur in ihren eigenwilligsten Momenten ihre Rockwurzeln. Das aber mit einer Stimme, die N"Dea Davenport ebenso kennt wie Shirley Bassey und doch mit diesem Wissen nur spielt. Die in der Höhe unnachahmlich schmelzen kann und in der Tiefe Schauer über den Rücken jagt. Sehr cool hört sich das alles an. Wie ein Heilmittel und Labsal für alle vom alltäglichen Rumsbums genervten Zeitnenossen. Die Sounds rollen daher wie von einer zehnköpfigen Band gespielt. Mal explodieren sie geradezu, dann wieder fließen sie so butterweich und entspannt, dass man sich in fremden Sphären wähnt. Der Duktus des gesamten Konzerts ist lakonisch, unprätentiös und schlicht. Schiller repräsentiert eine neue Berliner Lässigkeit, bleibt stets am Boden haften, ohne banal und einfallslos zu sein.

Einen Preis für herausragende Originalität würde diese Formation zwar bei keinem Wettbewerb gewinnen, doch für ein anspruchsvolles und hypnotisierendes Konzert haben Schiller allemal die richtigen Songs parat. Dass man komplexe, dicht arrangierte Popmusik wie die von Schiller nur zum "Chill-out" in einem bequemen Sofa genießen kann, erweist sich an diesem Abend jedenfalls als Trugschluss.

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