Barfuß ins Glück

Metzingen/Reutlingen.  Ob er vier oder fünf Stunden für einen Marathon benötigt, ist Bernd Gerber mittlerweile egal. Er möchte einfach laufend Gutes tun. So zum Beispiel beim Reutlinger Altstadtlauf oder beim Ermstal-Marathon.

Einst war auch Bernd Gerber aus Reutlingen ein Jünger der Stoppuhr. Jeder Trainingslauf, jeder Wettkampf richtete sich nach Stunden, Minuten oder Sekunden. Drei Stunden und 17 Minuten benötigte Gerber bei seinem schnellsten Marathonlauf - nicht schlecht für einen Hobbyläufer. Doch irgendwann bemerkte er, dass die Zeitenhatz alleine ihn nicht mehr befriedigte. Er begann, sich an Spendenläufen zu beteiligen.

Szenenwechsel: Am 16. Dezember 2007 wird in Fürth der "Laufclub Down-Syndrom Marathonstaffel e.V." gegründet. Die Mitglieder des Vereins haben es sich zur Aufgabe gemacht, gemeinsam mit Menschen mit dem Down-Syndrom zu laufen. Inzwischen gibt es Trainingspartner in fast allen deutschen Regionen. Zweites Anliegen ist es, Spendengelder zu sammeln. Mit dem Geld soll in Fürth eine Beratungsstelle errichtet werden, in der es Informationen zum Down-Syndrom und Tipps für Angehörige und Betroffene geben wird. In diesem Oktober ist Eröffnung, die Beratungsstelle wird in ihrer Art bundesweit einmalig sein.

Es kam, wie es kommen musste. Irgendwann kreuzten sich die Wege des Laufclubs mit dem des Bernd Gerbers. Von dem Tag an stellte der Reutlinger sein Hobby in den Dienst des Vereins. "Es gibt mir eine innere Zufriedenheit, für andere etwas zu tun", sagt Bernd Gerber. "Es ist ein größeres Glücksgefühl, einen Scheck übergeben zu können, als ich es jemals beim Zieleinlauf nach 40 Kilometern erlebt habe."

Gerber wird an diesem Samstag beim Altstadtlauf in Reutlingen zehn Kilometer laufen, eine Woche später beim Ermstal-Marathon absolviert er dann die kompletten 42,195 Kilometer. Dies tut er zum einen mit einem symbolischen Staffelstab, zum anderen, zumindest zum Teil, barfuß.

"Der natürliche Bodenkontakt und die ständige Kontrolle der Fußstellung, das ist ein ganz anderes laufen", beschreibt Gerber seine Erfahrung so ganz ohne Schuhe. Doch Vorsicht, barfußlaufen will gelernt sein. Kilometer für Kilometer tastet sich Gerber voran. "In Metzingen bietet es sich an, nach der Hälfte der Strecke die Schuhe am Kelternplatz zu lassen und dann barfuß weiter zu laufen", so Gerber. Ein Barfuß-Halbmarathon also, eine persönliche Bestleistung, mit der der Unternehmensberater die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich und damit auf sein Anliegen lenken möchte.

Leider wird Gerber in diesem Jahr beim Ermstal-Marathon seinen Verein noch alleine vertreten. Im kommenden Jahr könnten dann einige Laufclub-Kameraden aus Fürth dazustoßen. Und vielleicht steht dann sogar ein Down-Syndrom-Betroffener mit an der Startlinie. Aber geht das überhaupt?

"Grundsätzlich können Menschen mit dem Down-Syndrom genau so laufen wie Menschen ohne", sagt Gerber. Der Trainingsaufbau sei allerdings erheblich länger, die Betreuung der hoch sensiblen Sportler müsse entsprechend intensiv, "nach Möglichkeit bis zu drei Mal die Woche", erfolgen. "Menschen mit dem Down-Syndrom stecken voller Energie und sind stark emotionsgeladen." Diese Energie in vernünftige Bahnen zu lenken, ist eine der Aufgaben der Laufbetreuer des Clubs.

Im Herbst beim München-Marathon ist übrigens der erste Lauf eines deutschen Behinderten mit Down-Syndrom über die komplette Marathon-Distanz geplant. Bernd Gerber und weitere Mitstreiter werden dann an seiner Seite sein.


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Autor: MICHAEL KOCH | 30.06.2010

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