Arbeitgeber: Ende der Fahnenstange erreicht

Südwestmetall, die Arbeitgeber der Metall- und Elektroindustrie, hat am Donnerstag die IG Metall davor gewarnt, mit einer überzogenen Forderung in die Tarifrunde 2016 zu ziehen.

SWP |

"Wer angesichts der bisher empfohlenen fünf Prozent von einer 'moderaten' Forderung spricht, hat den Bezug zur ökonomischen Realität verloren", sagte Reiner Thede, Vorsitzender der Südwestmetall-Bezirksgruppe Reutlingen, gestern in Tübingen. "Die Tarifentwicklung der letzten Jahre hat unseren Betrieben einen massiven Kostenschub beschert, der insbesondere für Mittelständer nur schwer zu verkraften war und nicht mehr durch große Produktivitätssprünge aufgefangen werden konnte", sagte Thede. "Für viele unserer Betriebe ist daher das Ende der Fahnenstange längst erreicht, dies ist definitiv die falsche Zeit für weitere Höhenflüge. Die nun anstehende Forderung muss sich an dem Zuwachs der Produktivität orientieren - und der liegt bei unter ein Prozent."

"Ein Tarifabschluss darf nicht dazu führen, dass den Unternehmen, denen es nicht so gut geht kaum noch Luft zum Atmen bleibe. Es ist Aufgabe der Tarifpolitik und das Wesen von Tarifverträgen, Mindestbedingungen abzubilden, die von der Mehrheit der Mitglieder getragen und verkraftet werden können. Ein verlässliches Tarifgefüge hilft allen", ergänzte Dr. Jan Vetter, Geschäftsführer der Südwestmetall Bezirksgruppe Reutlingen.

In der baden-württembergischen Metall- und Elektroindustrie (M+E) sind die Tarifentgelte seit 2000 um mehr als 50 Prozent erhöht worden, allein seit 2012 um knapp 14 Prozent. "Was bei den Beschäftigten als Plus im Geldbeutel ankommt, schlägt sich jedoch bei den Unternehmen als höhere Kosten nieder", sagte Thede.

Da die Produktivitätszuwächse nur noch gering ausgefallen seien, hätten die Unternehmen an ihren inländischen Standorten erheblich an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. "Die Konsequenzen sind bereits sichtbar. Die Produktion im Inland stagniert, einfachere Jobs sind bereits verloren gegangen, neue entstehen fast nur noch im Ausland. Darüber hinaus werden die Investitionen hierzulande massiv zurückgefahren und stattdessen im Ausland getätigt, wo auch ein immer größerer Anteil der Gewinne herkommt", erklärte der Vorsitzende der Südwestmetall-Bezirksgruppe.

Zwar gehe es der Metall- und Elektroindustrie insgesamt noch recht gut, doch dies träfe längst nicht mehr auf alle Unternehmen zu. So hätten 2015 fast 40 Prozent der M+E-Betriebe bundesweit nicht einmal eine Umsatzrendite von zwei Prozent erreicht, mehr als ein Viertel schreibe eine schwarze Null oder gar Verluste, betonte Thede. "Allein der 3,4 Prozent-Abschluss des vergangenen Jahres hat den Beschäftigten dank der Mini-Inflation ein Reallohnplus von mehr als drei Prozent beschert; und dies bei einem durchschnittlichen Jahresverdienst von mehr als 58 000 Euro", sagte Vetter.

Thede verwies zudem auf die erheblichen konjunkturellen Risiken: "Auch niedrige Ölpreise, niedrige Zinsen und ein schwacher Euro, die uns derzeit in die Hände spielen, sind kein Dauerzustand. Wenn wir aber in eine Krise geraten, werden die Unternehmen kaum mehr wie 2008/09 alles daran setzen können, die Beschäftigung zu halten."

Insbesondere in Betrieben mit einem hohen Anteil von Lohnkosten - in der Spitze über 50 Prozent - bereite daher die Weitergabe von Tariferhöhungen schon seit Jahren große Probleme, sagte Thede.

Wenn der Gewerkschaft wirklich daran gelegen sei, die Tarifbindung wieder zu erhöhen und zu stärken, müsse sie ihre Strategie ändern: "Wir müssen jetzt einen Tarifvertrag für alle Unternehmen vereinbaren. Mit Tarifabschlüssen jenseits der Vernunft wird sie keinen Unternehmer für Tarifverträge begeistern. Im Gegenteil: Die Gefahr weiterer Tarifflucht wächst. Das wollen auch wir nicht, um weiterhin mit dem Manteltarifvertrag sinnvolle und verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen."

Info Die Bezirksgruppe Reutlingen von Südwestmetall und des tarifungebundenen Unternehmensverbands Südwest betreut in den Landkreisen Reutlingen, Tübingen, Calw, Freudenstadt, Zollernalb und im nördlichen Teil des Landkreises Sigmaringen mehr als 200 Betriebe mit rund 51 000 Mitarbeitern.

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