Wenn der Schleier fällt

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Den zweiten Teil der Matinee bestritt erneut das Oberon-Trio: Jonathan Aner (Klavier), Henja Semmler (Violine) und Antoaneta Emanuilova (Cello).  Foto: 

Unter dem Titel „Von Freundschaft und Liebe II“ wurde die erste Kammermusik-Matinee der Musiktage mit Fokus auf Clara Wieck und Robert Schumann bei wieder sehr gutem Besuch fortgesetzt; diesmal ging es (wie schon 2010) um den Kontrast zwischen Ideal und Wirklichkeit. Das Ideal wurde musikalisch vertreten durch Schumanns Lieder „Frauenliebe und -leben“ op. 42 aus dem sogenannten „Liederjahr“ 1840, als er Clara Wieck heiratete. Die einer Frau in den Mund gelegten Texte von Chamisso beschreiben diese als unterwürfig Liebende; sie will beispielsweise „nur in Demut ihn betrachten“.

Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, dass dieser Liederzyklus, dessen allzu idealistische Textvorlage manchmal Heiterkeit weckt, nun von der Mezzosopranistin Margarete Joswig dargeboten wurde, die nach einer längeren Familienpause vor etwa zwei Jahren wieder auf die Opernbühne zurückgekehrt ist. Ihr volles, vibrierendes Timbre trug die acht Lieder kraftvoll und sicher durch (fast) alle Fährnisse – es wundert niemand, wenn man sich an diesen unsäglichen Texten verschluckt. Besonders anrührend gelang der Schluss, in dem „der Schleier fällt“ und die Klavierstimme allein (Fritz Schwinghammer) die Reihe mit einem tröstlichen Epilog beschließt.

Umso interessanter waren danach vier Lieder von Clara Wieck-Schumann selbst aus op. 12 und 13 (1841–1843) nach Gedichten von Heine, Geibel und Rückert – dem rauen Ehealltag abgetrotzte sensible, differenzierte Vertonungen, von Margarete Joswig und Fritz Schwinghammer ausdrucksstark zur Geltung gebracht.

Ein gutes Gegengewicht zu „Frauenliebe und -leben“ findet sich etwa in der Biographie von Eva Weisweiler über Clara Schumann, aus der Florian Prey im zweiten Teil einige aufschlussreiche Auszüge verlas. Robert und Clara führten (auf Roberts Wunsch) minutiös ein „Ehetagebuch“, aus dem sich der harte Alltag dieser Künstler-Ehe rekonstruieren lässt. Manches Detail ist schlichtweg ernüchternd, manches aus heutiger Sicht sogar schockierend. Wer mehr wissen will, kann das in neueren Biographien (und im Internet) nachlesen. Danach hätte eigentlich von Rechts wegen Claras Klaviertrio op. 17 (1846) oder zumindest ein Auszug daraus gepasst. Das Oberon-Trio brachte hingegen erneut Musik ihres Gatten zu Gehör, und zwar dessen Klaviertrio Nr. 2 in F-Dur (op. 80). Nachteilig wirkte sich wieder die Raumakustik aus; die Basslagen von Klavier und Cello (das manchmal fast wie ein Kontrabass klang) wirkten wie verstärkt, laute, orchestral gesetzte Passagen allzu kompakt. Allein der dritte Satz erhielt durch transparentes und rhythmisch pointiertes Spiel ein überzeugendes, eigenwilliges Gepräge – hier war zu erkennen, wie Robert Schumann selbst nach neuen Wegen suchte.

Der spätere Dritte im Bunde, den Schumann 1853 in seinem Artikel „Neue Bahnen“ meinte, kam in der Zugabe nochmals zu Wort: Johannes Brahms. Das Oberon-Trio griff auf den dritten Satz aus seinem Klaviertrio op. 101 zurück, und rundete daraus einen wirklich gelungenen, graziös und durchsichtig gestalteten Abschluss der beiden Kammermusik-Matineen.

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