Wasserfall und Himmelbett

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Die Chrysanthemenblüte von Izumi Yanagiya ist nur einer von vielen Blickfängen.  Foto: 

Der Abschied vom Familienunternehmen, dessen Räume seit April 2017 leer stehen und nun „mit blutendem Herzen und leerer Börse“ verkauft werden sollen, fiel Inhaberin Xenia Muscat sichtlich schwer. Doch mit einer Ausstellung, die sie selbst und befreundete Künstler in der ehemaligen Zuschneiderei, dem Nähsaal oder den Umkleideräumen der Textilfabrik  gestalteten, lebte die frühere Fertigung noch einmal auf. Am Samstagnachmittag fand in den Räumen von „Schauwecker Jersey Damenmoden“ unter großer Resonanz die Vernissage statt. Einige Besucher erklärten ihren Familien, wo ihr Arbeitsplatz gelegen hat.

Ursprünglich, so Xenia Muscat in ihrer Eröffnungsrede, habe der Ausstellungstitel „Vor dem Abriss“ lauten sollen. Doch bei der Besichtigung der Räume durch die Künstler sei der Respekt vor der „durchdachten Architektur“ der 1950er und 60er Jahren derart gewachsen, dass man den Abriss „geradezu als Teufelswerk“ gesehen habe. Von den 700 Quadratmetern habe man 600 bespielt, indem Fotos aus der Geschichte der früheren Textilherstellung aufgehängt und Kunstwerke gemäß der ehemaligen Funktion der Räume ausgewählt wurden.

Als Präsentationshilfen der gerahmten Radierungen, Tiefdrucke und Collagen von Peter Magiera, gelernter Textildesigner, dienen weiß gestrichene einfache Böcke mit aufgelegten Latten, die die handwerkliche Produktion aufnehmen und im größten Saal der Aufstellung der Nähmaschinen entsprechen. Die Abrisse von Notizblöcken („Was bleibt“) oder grafische Linien („Mögliche Glücksmomente“), in denen menschliche Figuren auftauchen, werden in Magieras Schaffensprozess zu ästhetischen Kunstwerken. Darüber hinaus versah Magiera auch den Linoleumfußboden mit Strichlinien, die an Schnittmusterbogen erinnern und sich bis zu den weißen Wänden hinauf ziehen. Die Linien wirken wie Relikte aus vergangenen Tagen und heben zusammen mit den grün gestrichenen Heizkörpern, den schlichten Funktionsleuchten, den Holzfenstern und den übriggebliebenen Relikten wie Schaltkästen, Ventilatoren oder Seife in den Handwaschbecken den Charme der Authentizität hervor. Klanginstallationen von Rainer Bürck lassen den Lärm der Nähmaschinen wieder hören. An den Wänden hängen Kleiderschnitte, gezeichnet und über die Funktionalität hinaus mit Elementen wie Pflanzenranken oder einer roten Frühlingszwiebel verziert. Auf einem Abendkleid erscheint Lauch mit Rauten – freie Assoziation von Xenia Muscat, die sich auch einem besonderen Fundstück angenommen hat. Wie sie berichtete, wurde bei der Fundamentlegung der Fabrik ein prähistorisches Gräberfeld gefunden. Dabei trat ein Tongefäß zutage, das in der Ausstellung im Original gezeigt wird. In Eitemperabildern stellte Xenia Muscat es in unterschiedlichste Kontexte, um hinter sein Geheimnis zu kommen.

Im ehemaligen Büro hing Renate Quast Post-It-Blätter an die Fenster, um an die Zeit der Aufträge und Erledigungen zu erinnern. Renates Quasts Farben sind Rottöne, in denen sie stachlige Gebilde aus Pflanzstäben und windmühlenartig gehängte Leinwände zeigt.

Izumi Yanagiya schuf einen Kimono aus Papier und bearbeitete Papierblätter mit der Schere. Daraus entstanden filigrane Muster, wie man sie sich in Stoffform vorstellen kann. Das Hauptobjekt ist „Wasserfall und Himmelbett“, in dem sich ein wie Schnee erscheinender Schwall von Papier in den Raum ergießt. Im ehemaligen Nähsaal hat Izumi Yanagiya eine Chrysanthemenblüte aus Papier geschaffen, die wie eine Seerose auf dem braunen Linoleumboden zu schwimmen scheint.

Kleinformatig arbeitet Jürgen Elsässer, der in postkartengroßen, farbigen Collagen auf schwarzem Grund surreale Welten erschafft, in denen der Blick des Betrachters auf ausdrucksstarken Gesichtern und Kleidungsstücken stehen bleibt. Xenia Muscat hat hierzu Gedanken in Gedichtform verfasst.

Die Ausstellung „Abschied von einer Textilfabrik“ mit Arbeiten von Jürgen Elsässer, Peter Magiera, Xenia Muscat, Renate Quast und Izumi Yanagiyain ist in der Eichendorffstraße 1 noch bis zum 22. Oktober, immer samstags und sonntags von 15 bis 18 Uhr zu sehen. 

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