Verdoppeltes Glück: Brüderpaar rockt den Flügel

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Starke Rhythmen, fesselnde Darstellung: Das niederländische Klavierduo Arthur und Lucas Jussen gab in der Schlossmühle ein imposantes Musikherbst-Gastspiel.  Foto: 

Als „junge Überflieger“ treten in Bad Urach Nachwuchskünstler auf, die zu einer vielversprechenden Karriere ansetzen. Dazu gehören die Brüder Arthur und Lucas Jussen, Anfang zwanzig, zwei „holländische Jungs“ (wie sie sich selber bezeichnen), die schon seit 2010 einen Vertrag mit der Deutschen Grammophon haben und international konzertieren.

Hopp! Mit einem Sprung sind sie auf dem Podium (und später wieder unten), die Treppe lassen sie links liegen. Dabei tragen sie keine Turnschuhe, sondern Anzug und Lackschuhe, wie Zwillinge. Sie reden auch gleich mit dem Publikum: Statt Mendelssohn macht Beethoven den Auftakt, mit den 8 Variationen über ein Thema des Grafen von Waldstein (WoO 67) – der Komponist war da etwa so alt wie die Twens am Flügel. Auf den greifen sie sportlich zu: hartes Staccato, zügiges Tempo, kraftvoll-präzise Akkorde, differenzierter Anschlag, die virtuosen Figuren makellos ausgeführt, komplett auswendig, versteht sich. Dabei sind die Brüder voll synchronisiert, nicht das kleinste Klappern verrät das vierhändige Spiel. Die Variationen wirken wie aus einem Guss, Arthur und Lucas scheinen sich blind zu verstehen, im Einklang der Bewegung senken sie die Köpfe über die Tasten.

Jeweils für ein längeres Stück im ersten und im zweiten Teil trennten sie sich. Zunächst übernahm Lucas Jussen (der Ältere) nach dem „jungen“ nun einen „späten“ Beethoven, nämlich die Klaviersonate As-Dur op. 110, „die speziellste Klaviersonate, die es gibt“ (so der Pianist). Offenbar hat Beethoven die Überwindung einer schwierigen Phase hineinkomponiert. Anlass zu Abgeklärtheit oder Klage? Im Gegenteil. Lucas Jussen versuchte gar nicht erst, grüblerische Todesnähe zu suggerieren, sondern deutete die Sonate spontan, direkt und zielbewusst, die Fugen darin sehr ausdrucksvoll, ja „romantisch“.

Genauso frisch und konsequent interpretierten sie Franz Schuberts Fantasie in f-Moll (D 940). Das Ohr folgte gern der zielsicheren Phrasierung und genoss das sinnliche Perlen des Hauptthemas, die dunklen Harmonien lichteten sich im hellen Klang. Die beiden brauchten keine künstliche Spannung anzulegen, künstlerische Spannkraft scheint ihnen angeboren.

Letztere nützt allerdings wenig am untauglichen Objekt: Mit Frédéric Chopins h-Moll-Sonate (op. 58) hatte sich Arthur Jussen (der Jüngere) ein Stück vorgenommen, dessen Weitschweifigkeit mit Virtuosität und großer Geste allein nicht zu bewältigen sind; Erfahrung und Gestaltungskraft werden ihm sicher noch zuwachsen. Imposant: das vollgriffige Finale.

Den Schluss bildete „Night“ von Fazıl Say, das dieser 2016 für Arthur und Lucas Jussen geschrieben hat; eine „traumatische Nacht“ (so Fazıl Say) für Klavier zu vier Händen in düsteren Farben und starken Rhythmen. In Ankara durften die holländischen Jungs das Stück des Regimegegners eigentlich nicht aufführen, wie sie erzählten. Ein beeindruckendes Werk in fesselnder Darstellung: die Hände greifen dabei direkt in die Saiten und schaffen harte, trockene Effekte; mit tödlichem Ernst und tiefer Leidenschaft rockt das Duo den Flügel.

Das begeisterte Publikum verlangte nach mehr; die Brüder gewährten gerne zwei Zugaben: Piazzollas „Libertango“ und Johannes Brahms’ Ungarischen Tanz Nr. 5.

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