Stereotypen und offener Hass

Im Alltag oft unbewusst gelebte Stereotypen oder offen gezeigter Hass von extremistischen Gruppen: "Antisemitismus heute" tritt in alten und neuen Prägungen auf. Eine Tagung hat sich damit befasst.

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Als im Januar vergangenen Jahres der Antisemitismus-Bericht vorgelegt wurde, haben die Ergebnisse Mitarbeitern der Landeszentrale für politische Bildung fachübergreifend zu denken gegeben: "Bei 20 Prozent der Menschen in Deutschland sind unterschwellig antisemitische Einstellungen vorhanden", berichtet Sibylle Thelen vom Fachbereich Gedächtnisstättenarbeit. Die Idee einer Fachtagung wurde umgesetzt, das große Interesse der Multiplikatoren aus den verschiedensten Bereichen wie Schulen, Jugendzentren, in der Gedenkstättenarbeit tätige Ehrenamtliche oder auch Wissenschaftler Leiter von Museen überraschte selbst die Fachfrau: "Wir mussten eine Warteliste einrichten." Die Erkenntnis für die Organisatoren: "Das Thema ist virulent. Wir haben gesehen, dass viele Menschen mehr Wissen benötigen."

Ein Ziel der Tagung war denn auch das Vermitteln von wissenschaftlich fundierte Fakten und Zahlen, von persönlich gefärbten Erfahrungen von Juden in Deutschland oder Mitarbeitern von Bildungs- und Jugendeinrichtungen oder auch das Aufzeigen von Handlungsansätzen beim Umgang mit Antisemitismus. Für eine Basis an Wissen war Professor Dr. Armin Pfahl-Traughber von der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Bühl zuständig, der über die Antisemitismus-Definition, Ideologieformen und Unterscheidungen referierte. Daten, Zahlen und Fakten dazu lieferte Professor Dr. Andreas Zick vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Gabriele Rohmann vom Archiv der Jugendkulturen in Berlin stellte "New Faces - Interkulturell, jugendkulturell und über Generationen hinweg gegen Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft" vor, in Workshops beschäftigten sich die Tagungsteilnehmer mit einer rassismus- und antisemitismuskritischen Bildungsarbeit, den Chancen und Grenzen der historisch-politischen Bildungsarbeit in der Auseinandersetzung mit Antisemitismus oder auch mit dem Thema Antisemitismus und Israelhass bei Jugendlichen - die Rolle des Nahostkonflikts und Optionen der pädagogischen Intervention.

Diskussionen - durchaus auch kontrovers - unter den Praktikern waren ausdrücklich erwünscht, denn Ziel der Tagung war auch, unter den Multiplikatoren einen Austausch zu ermöglichen: "Wir hoffen, dass sich so Kontakte ergeben und vielleicht auch gemeinsame Projekte entstehen", so Sibylle Thelen. Auch den Tagungsteilnehmern und Fachleuten gaben bei einem Podiumsgespräch über Ursachen, Erscheinungsformen und Handlungsansätzen in schulischer und außerschulischen Bildungsarbeit die Erfahrungen von Susanne Benizri zu denken. Sie berichtete vom Alltagsantisemitismus, geäußert von Personen, die sich nicht als Antisemit sehen: "Sie denken halt, wir Juden sind anders." Diesen Stereotypen gelte es zu begegnen: "In den letzten fünf Jahren nehme ich verstärkt das Wort Jude als Schimpfwort wahr." Professor Dr. Albert Scherr vom Institut für Soziologie der Pädagogischen Hochschule Freiburg plädierte deshalb auf eine Bildungsarbeit, die aufs Verstehen ausgerichtet sei - nicht aufs Bekämpfen: "Es kann keine Universalrezepte und Antworten geben, man muss zuhören und verstehen, Wissensstände verbessern und Haltungen ändern." Und, so Professor Dr. Peter Steinbach von der Universität Mannheim und wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin: "Politische Bildung fängt da an, wo man sich selbst befragt, was man weiß."

Das kompakte Programm rundete eine Lesung von Lena Gorelik in der Stadtbücherei ab, die sich in ihrem Buch "Lieber Mischa:....." mit kluger und selbstironischer Weise mit dem Thema auseinandersetzt, wie man als Jude in Deutschland lebt. Eine weitere Auseinandersetzung mit dem Thema strebt die Landeszentrale an: "Unser Ziel ist es, weiter im Bereich Prävention tätig zu sein", erklärt Sibylle Thelen. Denn: "So eine Fachtagung wie die jetzige hat es in Baden-Württemberg noch nicht gegeben."

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