Spuren des schwäbischen Leonardo

Der Uracher Industriellen Gustav Magenwirth hat seiner Vaterstadt ein besondere Uhr gestiftet. Sie stammt von Philipp Matthäus Hahn, dem schwäbischen Leonardo.

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Das gesamtes Werk, verteilt auf zwei Gehäuse, die auf einer polierten hölzernen Standplatte montiert sind, die auf zwei Kugelfüßen ruht. Standplatte und Gehäuse zeigen noch die originale Farbfassung. Sie sind weiß und blau gefasst, die Gehäuse innen Zinnoberrot gestrichen. Am linken Zifferblatt sind die Wochen- und Monatstage ablesbar, am rechten Hauptzifferblatt die Morgen- und Abendstunden sowie die Minuten. Über dem linken Gehäuse der Himmelsglobus (Sonne, Mond), über dem rechten Gehäuse der Erdglobus (Schattengrenze).  Foto: 

Der erfindungsreiche Pfarrer Philipp Matthäus Hahn (1739 bis 1790), der häufig wie sein Landsmann, der Baumeister und Ingenieur Heinrich Schickhardt als „schwäbischer Leonardo da Vinci“ bezeichnet wird, hatte mit Bad Urach nichts zu tun. Dennoch hinterließ er hier eine bedeutsame Spur: Eine seiner berühmten Uhren, die nicht nur die aktuelle Zeit und das Datum anzeigt, sondern darüber hinaus auch die Himmelsmechanik anschaulich macht.

Die kostbare Doppelglobusuhr war eines der Glanzstücke der stadtgeschichtlichen Sammlung, mit der im November 1990 das Stadtmuseum Klostermühle eröffnet wurde. Als die Sammlung 2005 dem Grammophonmuseum Geigle weichen musste, blieb sie als eines der wenigen Exponate an Ort und Stelle. So kann sie auch heute noch im Rahmen der sehenswerten Ausstellung „Bilder der Geschichte – Urach im Bild“ betrachtet werden.

Philipp Matthäus Hahns Wunderwerk der Mechanik verdankt die Stadt einem großzügigen Stifter, dem Industriellen Gustav Magenwirth. Er war von Jugend auf fasziniert von Mechanik und zu Recht gilt er als einer der ersten Automechaniker Deutschlands. Schließlich hat er fünf Jahre lang in der Werkstatt des Automobilpioniers Carl Benz in Mannheim gearbeitet, ehe er in seiner Heimatstadt eine eigene Motorenfabrik gründete, aus der später ein erfolgreicher Zulieferungsbetrieb für die Fahrzeugindustrie geworden ist.

Die Hahn-Uhr stammt mit Sicherheit nicht aus dem Familienbesitz der Magenwirth. Gustav Magenwirth hat sie vermutlich erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg entweder von einem Privatmann oder aber im Antiquitätenhandel erworben und dies mit dem Ziel, die Uhr dem Uracher Verein für Natur- und Altertumskunde zu schenken, dessen eifriges Mitglied er war.

Von der hochherzigen Schenkung unterrichtete dann in der Sitzung am 29. April 1914 der damalige Vereinsvorsitzende Professor Weiß die Vereinsmitglieder. Gustav Magenwirth erläuterte dabei die Mechanik der Uhr, was ihm als versiertem Feinmechaniker nicht schwer fiel, und sprach über deren Schöpfer, den Mechaniker-Pfarrer Philipp Matthäus Hahn, dessen ereignisreiches Leben sich lohnt, kurz zu betrachten.

Philipp Matthäus Hahn wurde am 25. November 1739 im Pfarrhaus zu Scharnhausen, einem heutigen Stadtteil von Ostfildern geboren. Schon als Lateinschüler und später als Theologiestudent im Tübinger Stift entwickelte er als technischer Autodidakt Sonnenuhren und Teile zum Bau von Teleskopen. Als Pfarrer in Onstmettingen begann er ab 1764 zusammen mit seinem Freund, dem Schulmeister Philipp Gottfried Schaudt, Neigungswaagen und Uhren zu bauen.

Im Jahre 1767 überreichte Hahn dem württembergischen Herzog Carl Eugen eine astronomische Uhr. Der Herzog war begeistert. Er förderte den hochbegabten technischen Tüftler fortan. So schanzte er ihm die einträglichsten Pfarreien im ganzen Herzogtum zu, zunächst ab 1770 Kornwestheim und danach ab 1781 Echterdingen. Hahn konnte nun ohne allzu große Geldsorgen seine Sonnen-, Taschen- und Weltzeituhren, seine Neigungswaagen und Rechenmaschinen bauen. Und keineswegs nebenher schrieb der gelehrte, pietistisch geprägte Pfarrer noch zahlreiche theologische Bücher, deren Eigenwilligkeit seine Vorgesetzten nicht eben beglückte.

Als Techniker war Philipp Matthäus Hahn bald in ganz Europa berühmt: Johann Wolfgang von Goethe besuchte ihn, die Zarin wollte ihn nach Petersburg abwerben und der Markgraf nach Baden. Auch von der Universität Tübingen erreichte ihn mehrfach der Ruf auf eine Professorenstelle, den er jeweils ablehnte. Er wollte seine seelsorgerische Tätigkeit nicht aufgeben. Hahn starb 1790 im Alter von 50 Jahren.

Die auch optisch beeindruckende, aber vermutlich nicht gangfähige Uhr, die Gustav Magenwirth 1914 dem Uracher Verein für Natur- und Altertumskunde schenkte, wurde umgehend in der Sammlung zur Schau gestellt, die der Verein im Residenzschloss seit 1898 unterhielt. Dort befand sie sich auch noch, als die umfangreichen Renovierungs- und Umbauarbeiten im Schloss längst begonnen hatten, inmitten von ausgestopften Tieren, Versteinerungen, Bildern, Münzen, Orden sowie von Antiquitäten und Kuriositäten aller Art.

Was 1964 von der monatelang ungesichertenSammlung noch vorhanden war, barg der damalige Stadtpfleger Hans Veit. So auch die Hahn’sche Doppelglobus-Uhr, deren Gehäuse nun teilweise zerbrochen, deren Globen stark verschmutzt und deren komplizierte Mechanik vollkommen zerlegt in einem Pappkarton lagen.

Der Rest der einst stattlichen Vereinssammlung ging damals in das Eigentum der Stadt über, die laut den Statuen des Vereins für Natur- und Altertumskunde Erbin des Vereinsvermögens war. Als 1986 bekannt wurde, dass das Land Baden-Württemberg im Winterhalbjahr 1989/90 anlässlich des 250. Geburtstags und 200. Todestags von Philipp Matthäus Hahn eine große Ausstellung plant, machte die Stadt den zuständigen Konservator beim Landesmuseum auf die Uracher Hahn-Uhr aufmerksam.

Trotz des desolaten Zustands der Uhr erkannte dieser schnell deren technischen Rang. Er veranlasste die aufwendige, kostenintensive Restaurierung und so konnte die Uracher Hahn-Uhr in der Stuttgarter Gedächtnis-Ausstellung gezeigt werden.

Nach der Landesausstellung, gerade noch rechtzeitig vor Eröffnung der stadtgeschichtlichen Sammlung in der ehemaligen Klostermühle am 30. November 1990, kam die restaurierte und wieder gangfähig gemachte Uhr zurück nach Bad Urach.

Das Uhrenwunder mit Federwerk und Schlüsselaufzug zeigt nun wieder nicht nur die zweimal zwölf Stunden des Tages und auf einem separaten Zifferblatt die Minuten an, sondern auch den Kalender mit Wochentagen und Monatsnamen. Nur den Schalttag alle vier Jahre berücksichtigt das Werk nicht von selber. Am 1. März eines jeden Schaltjahres muss so von Hand ein Tag zugeschaltet werden. Dann läuft alles wieder kalendergerecht.

Am auffallendsten aber sind an der Uhr die Globen, ein Himmelsglobus und ein Erdglobus, die jeweils auf einen der beiden Gehäusekästen montiert sind. Sie sind über ein Gestänge mit den darunter liegenden Uhren verbunden.

Um den Himmelsglobus rotieren Sonne und Mond. Besonders bemerkenswert ist die Anzeige auf dem Erdglobus. Hier kann die Schattengrenze, den Wechsel von Tag und Nacht für jeden Ort der Welt zu jeder Jahreszeit zuverlässig abgelesen werden. Dies macht ein beweglicher Ring in Verbindung mit einer äußerst komplizierten Mechanik möglich.

Die Bad Uracher Doppelglobus-Uhr des Pfarrers Philipp Matthäus Hahn, des „schwäbischen Leonardo“, der die schönsten und kompliziertesten Uhren seiner Zeit baute, ist aber nicht nur ein Wunderwerk der Technik. Sie ist auch eine Erinnerung an den Uracher Industriellen Gustav Magenwirth und seine Tochter, der Bad Uracher Ehrenbürgerin Martha Munz-Magenwirt, denen die Stadt und ihre Bürger viel verdanken.

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