Spiel mir das Lied vom Krieg. . .

Diesem bemerkenswerten Liederabend hätte man mehr Zuhörer gewünscht. Doch dank einer SWR-Aufzeichnung wird der Auftritt von Dietrich Henschel und Shai Wosner ein breiteres Publikum erreichen.

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Zum Hundertjährigen des Ersten Weltkriegs blieb das diesjährige Motto "Donau" unberührt, das Programm behandelte das Thema Krieg allgemein. Werke aus der Zeit davor und danach kamen zu Wort: Gustav Mahler lebte 1914 nicht mehr, Claude Debussy war seit 1909 krank und schrieb seine "Préludes" (Teil II) 1910 bis 1912, Rainer Maria Rilkes "Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" entstand 1899, die Vertonung von Viktor Ullmann 1944. Er war als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg gezogen und bearbeitete (wer verstehts?) den Rilke-Text im KZ Theresienstadt, bevor er in den Gaskammern von Auschwitz ermordet wurde.

Um so eindringlicher stellte sich der Schrecken des Krieges dar, verkörpert in der Interpretation von Dietrich Henschel und Shai Wosner. Zunächst in sechs Liedern aus Gustav Mahlers "Des Knaben Wunderhorn", die das Soldatenleben thematisieren. Frisch forsch voran schienen Pianist und Sänger zu stürmen, doch die beiden überzeichneten den demonstrativen Frohmut ("Heute marschieren wir!") so extrem, dass der brutale Kern der Texte offengelegt wurde.

Dietrich Henschel ließ Feinsinn und Schöngesang hinter sich, er hielt - mit Mahler und den unbekannten Volkslied-Dichtern - ein flammendes Plädoyer gegen den Krieg, sonor und deutlich artikulierte er jeden Laut, vermittelte lebhaften Anteil an jedem Wort, jedem Satz, Mimik und Gestik sprachen mit. Welche Schrecken sah er da vorn, offenen Mundes und sehenden Auges auf sich zukommen? Er sang nicht nur, er polterte, schrie auf, direkt und impulsiv: "Ich schrei mit lauter Stimm!"

Das Klavier beteiligte sich mit kontrastreicher Intensität am Geschehen, zudem wurden zwischen die Lieder passende ironische bis elegische Teile aus Debussys zweitem Teil der Préludes eingeschoben. Diese gewannen dabei eine so vehemente Aussagekraft, weit weg vom zarten Klangspiel des Impressionismus, dass man sie auch als Fortsetzung der Lieder verstehen konnte.

Mit Ullmanns "Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" kam nun auch hier ein Melodram zur Aufführung. Erlebt die Gattung derzeit eine Renaissance? Dietrich Henschel und Shai Wosner haben sich offenbar gründlich damit auseinander gesetzt. Um die Balance mit dem Flügel zu wahren, wurde die Sprechstimme verstärkt, und Henschel (mit zwei Büchern vor sich auf dem Tisch) erweiterte die von Ullmann vertonten Episoden um Passagen, die der Komponist aussparte, die aber Poesie und Tiefe von Rilkes Text eröffnen, gerade hinsichtlich der erotischen Komponente und der Flucht zur rettenden Weiblichkeit.

Gewalt und Tod erschienen poetisch überhöht, Sprechstimme und Klavier gingen dafür eine enge Verbindung ein. Ullmanns farbig-expressiver Klaviersatz erwies sich als absolut hörenswert, von Shai Wosner wurde er kongenial umgesetzt. Dietrich Henschel sprach Rilkes bildstarken Text als Kunst nach dem Muster des Kunstlieds: Deutlich artikuliert sowieso, darüber hinaus vermittelte er Stimmungen und Emotionen mit nuancierter Wortkraft.

Die Regeln musikalischer Gestaltung wandte er auf seine Rezitation an und verflocht diese eng mit dem Klavierpart. Das wirkte zwar manchmal manieriert, gab aber dem Melodram Form und Zusammenhalt als Sprach-Musik-Kunst eigenen Rechts, von Henschel und Wosner in intensivem Wechselspiel souverän und fesselnd gestaltet, vom Publikum mit anhaltendem Beifall gewürdigt.

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