So leicht, so unbeschwert

Der Tenor Werner Güra brachte beim Uracher Musikherbst die beiden Wiener Beethoven und Schubert zusammen - und zwar in mustergültiger Kunstlied-Interpretation. Am Flügel begleitete Christoph Berner.

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Sind sich Ludwig van Beethoven und Franz Schubert in Wien je begegnet? Man weiß es nicht so genau. Beide haben Lieder komponiert - um so spannender, sie in einer imaginären "Schubertiade II" nebeneinander zu stellen.

Der Tenor Werner Güra, in den Vorjahren als Meisterkurs-Dozent und Sänger in Bad Urach beteiligt, präsentierte einen Liederabend "klassischen" Zuschnitts. Er begann mit Beethovens Liederzyklus "An die ferne Geliebte", mit dem Beethoven die Gattung in die Musikgeschichte einführte. Es folgten sechs Schubert-Lieder mit dem Grundthema "Liebe", nach der Pause vier Einzellieder von Beethoven sowie fünf von Schubert mit den Grundthemen "Wandern" und "Einsamkeit" - übrigens unter Aussparung der populären Lieblingsstücke.

Als kundiger Interpret gestaltete Werner Güra seinen Liedvortrag mustergültig. Mittels Stimmführung, Phrasierung und Aussprache erfüllte er die klingenden Kunstwerke mit nuanciertem Ausdruck. Offenbar hat er sie gründlich durchdacht und durchfühlt und vermittelte seine Auffassung in bezwingender, ja betörender Weise.

Wunderbar, wie er etwa in "Wo die Berge so blau" Weite vermittelte, wie viel Zärtlichkeit er in "Nimm sie hin denn, diese Lieder" legte. Gekonnt traf er den leichten Serenadenton in "Alinde", zu intensiver Glut steigerte er die Reiter- und Liebeslieder. Zu kleinen Seelendramen machte er Beethovens "Resignation" und "Wonne der Wehmut", bezwingend schlicht, doch kunstvoll-natürlich durchgeformt. Den Lauschenden blieb es überlassen, Vergleiche zwischen Beethoven und Schubert zu ziehen. Beide haben teils gehaltvolle, teils schwache Gedichte von manchmal denselben Autoren vertont, mit Goethe an der Spitze (wobei im Festbuch versehentlich das falsche "Wanderers Nachtlied" abgedruckt war), beide verbanden Strophenlied und Durchkomponiertes. Interessant wäre es gewesen, Schuberts Vertonungen von "Wonne der Wehmut" oder der kitschverdächtigen "Adelaide" neben die Beethovens zu stellen. Hat letzterer mehr Dramatik, Schubert den süßeren Ton, die tieferen Lyrismen oder die originellere Klavierbegleitung?

Letzteres auf jeden Fall, hier lag eine Schwachstelle des Liederabends. Der österreichische Pianist und langjährige Klavierbegleiter Güras, Christoph Berner, verfügt unbestritten über höchstes Niveau und sichert Güra eine zuverlässiges und einfühlsames Mitgehen. Nur: Darüber geht Berner nicht hinaus.

Das Neuartige an Schuberts Liedern ist ja eben, dass eine "Mitsprache des Gefühls" im Klavierpart stattfindet, doch die kleinen Schatten und Unregelmäßigkeiten wurden brillant überspielt. "So leicht, so unbeschwert" sind Schuberts Lieder nicht immer gemeint, "Der Einsame" und "Der Winterabend" nicht nur gemütlich, Schubert hat Abweichungen hineinkomponiert. Diese sollten Sänger und Pianist aufspüren und für die Hörenden kenntlich machen. Erst vor kurzem war dies bei der Aufführung der "Winterreise" mit Streichquartett hier in Bad Urach zu erleben.

Gerade zum Ende hin trübte nichts den süßen Ton der (falschen?) Biedermeier-Idylle. Unbeschwert spielte das Klavier über die dunklen Momente hinweg, klangsinnlich-innig spann es das "und sinne, sinne" des Sängers in "Winterabend" weiter - ein beredtes Zeichen für die komponierte Eigenständigkeit des Klaviers. Frenetischer Beifall für einen insgesamt begeisternden Liederabend, Sänger und Begleiter verabschiedeten sich mit dem frivolen "Kuss" von Beethoven.

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