Revoluzzern auf der Spur

Seine Stimme gegen die Obrigkeit zu erheben, konnte im Urach des 16. Jahrhunderts lebensgefährlich werden. Trotzdem kam es 1514 zur Rebellion, eine Stadtführung zeigt, wo die Aufständischen wohnten.

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120 Angeklagte auf einen Schlag: Im Jahr des Herrn 1514 standen die Männer auf dem Uracher Marktplatz vor dem Stuhl ihres Richters, der ihnen die Strafe für ihre Rebellion gegen Herzog Ulrich verkündete. Vor 500 Jahren ergriff der Aufstand des „Armen Konrad“ das württembergische Land. Bauern und Bürger der Landstädte reagierten mit Wut und Widerstand auf den Versuch der Obrigkeit, sie ihrer angestammten Rechte zu berauben und ihnen gleichzeitig höhere Steuern aufzudrücken.

Im Uracher Schloss befasst sich derzeit eine Ausstellung mit den Revoluzzern, begleitend dazu führt die Uracher Historikerin Stefanie Leisentritt Besucher zu den Originalschauplätzen aus jenen Tagen. In der Kirchstraße wohnte beispielsweise der Metzger Klainhans. Dass er dort lebte, fand der Böhringer Heimatforscher Ernst Strähle heraus. Dank seiner Arbeit ließen sich die Namen der Verhafteten bestimmten Gebäuden zuordnen.

Klainhans’ Wohnhaus zeigt heute fast dasselbe Gesicht wie vor 500 Jahren. Lebte er im Hier und Jetzt, könnte er vom Fenster aus herunterblicken und erzählen, warum er sich den Aufständischen anschloss. Als Metzger litt er vielleicht besonders unter der Wut seiner Uracher Mitbürger, denn Herzog Ulrich hatte befohlen, Maße und Gewichte zu verändern, weshalb die Käufer für das gleiche Geld weniger Ware erhielten. Das betraf ausschließlich Produkte des täglichen Bedarfs, wie etwa Brot und Fleisch.

Klainhans jedenfalls erbot sich als einer von vier Uracher Metzgern, einer bewaffneten Truppe vom Kispel die Uracher Stadttore zu öffnen. Die Männer von der Alb planten, die alte Residenzstadt zu erobern, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. „Die Aufständischen vom Kispel waren richtig aufwieglerisch“, sagt Stefanie Leisentritt. Sie verlangten etwa, Wild und Wald solle gemein sein, also jedermann gehören.

Der Angriff auf Urach fiel schließlich aus, welches Schicksal Klainhans später erlitt, bleibt im Dunkel der Jahrhunderte, die Prozessakten geben keinen Aufschluss. Allerdings, weiß Stefanie Leisentritt, kamen viele Aufständische aus dem Amt Urach, der damaligen Vewaltungseinheit, relativ glimpflich davon.

Mehr als 100 Männer aus dem Amt kamen 1514 in Haft, 14 mutmaßliche Anführer überstellten die Behörden nach Tübingen. Die schwerste Strafe verhängten die Richter gegen den Dettinger Thoma Bader und den Bleichstetter Konlin Griesinger. Beide wurden durch Tübingen getrieben und dabei mit Ruten ausgepeitscht. Jene 120 Männer, die am Uracher Gerichtstag auf dem Marktplatz ihre Strafe erhielten, mussten ihr aufrührerisches Tun allesamt mit Geld bezahlen. Die Höhe variierte: Sie orientierte sich an der Schwere ihres vermeintlichen Vergehens und an ihren finanziellen Möglichkeiten: „Niemand war hinterher wirtschaftlich ruiniert“, betont Stefanie Leisentritt. Der damalige Bürgermeister Heinrich Vietz verlor jedoch sein Amt. Offenbar galt er dem Herzog als politisch unzuverlässig, in jedem Fall geriet Vietz in Gefangenschaft. Anschließend musste er einen Eid leisten, sich nie mehr gegen den Herzog und damit gegen die nach Ansicht der Herrschenden göttliche Ordnung zu wenden. Zudem hatte auch er eine Geldstrafe zu bezahlen. Als die Truppen des Schwäbischen Bundes Herzog Ulrich 1519 aus Württemberg vertrieben, „ging es mit Vietz richtig bergauf“. Er war wieder jemand. Und, sagt Stefanie Leisentritt, er starb rechtzeitig, um Ulrichs Rache zu entgehen, als dieser 1534 nach Württemberg zurückkehrte und mit seinen Gegnern abrechnete.

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