Opulenz in satten Farben

Der Donau-Musikstadt Wien huldigte das Orchesterkonzert der WPR. Die Leitung hatte Chefdirigent Ola Rudner, Solist am Klavier war Michail Lifits.

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Gleich fünf Wiener waren an diesem Programm beteiliegt: die gebürtigen Wiener Franz Schubert und Arnold Schönberg, die Wahl-Wiener Wolfgang Amadé Mozart und Johannes Brahms sowie WPR-Chefdirigent Ola Rudner, der seinen Wohnsitz in Wien hat.

Als Auftakt erklang die Ouvertüre zu Schuberts selten zu erlebender Ritter-Oper "Fierrabras", die zu seinen Lebzeiten nicht aufgeführt worden war, und von der eine eher fragwürdige Neuinszenierung dieses Jahr in Salzburg über die Bühne ging. Schuberts Musik wird sie überstehen: Auch in der Aufführung des Reutlinger Orchesters vermittelte sie einen erfreulichen, der Gattung entsprechenden "romantisch-heroischen" Eindruck, wenngleich die Bläser nicht optimal disponiert schienen und der Klang ziemlich kompakt wirkte.

Eigentlich hätte das Konzert ja im großen Saal der Reutlinger Stadthalle stattfinden sollen; irgendwie hatte das nicht geklappt, und so drängte sich das große Orchester auf der zwar erweiterten, doch immer noch zu engen Bad Uracher Festhallen-Bühne, deren Seitenwände den nötigen Kontakt der Musiker deutlich einschränkten. Auch Ola Rudners Pfad zum Pult war schmal, beinahe wäre er gestürzt.

Hätte man nicht wenigstens die Besetzung reduzieren können? Gerade bei diesem Programm und angesichts der Raumakustik wäre das sinnvoll gewesen. Im Vergleich mit dem Mozart-Konzert in Reutlingen vor zwei Wochen bot dessen Klavierkonzert KV 450 nun deutlich weniger Brillanz und Durchhörbarkeit. Lediglich das Spiel von Pianist Michail Lifits betörte das Ohr mit weichem Anschlag und perlender Klangschönheit, deren allzu einheitlich blank polierte Oberflächen-Eleganz jedoch eher Träumereien am Klavier zuließ als tiefgründige Interpretation und zudem eine gewisse Ungenauigkeit überspielte. Dennoch: viel Beifall und eine Solo-Zugabe mit Lifits Mozart light.

Den zweiten Teil des Abends konnte man als paradox in mehrfacher Hinsicht bezeichnen: Ein Kammermusikwerk von Johannes Brahms, das Klavierquartett op. 25, wurde im Auftrag des Dirigenten Otto Klemperer 1937 von Arnold Schönberg für Orchester bearbeitet, um - jawohl - all das Fortschrittliche hörbar zu machen, was sonst angeblich vom Klavier verdeckt wird. Und diese groß dimensionierte Bearbeitung wird vom opulent besetzten Orchester der Württembergischen Philharmonie ausgerechnet auf dieser kleinen Bühne aufgeführt, die eigentlich hervorragend für Kammermusik passt.

Orchester und Dirigent boten ein völlig untypisches Bild, das einem Ideal entsprach, wie es Mitte des vorigen Jahrhunderts herrschte: massiv in Ton und Volumen, schwerfällig in der Bewegung. So hatte man sich damals wohl die Musik von Johannes Brahms vorgestellt, als Schwelgen in großem, drängendem Gefühl und dunklen Farben, ausgemalt in dicken, breiten Pinselstrichen. Dabei kann sie doch auch hell und leicht bewegt sein!

Eine Ahnung davon vermittelte der Finalsatz, der mit seinem Zigeuner-Schmelz und den scharf akzentuierten Csárdás-Rhythmen Ungarn heraufbeschwor und mit seinem furiosen Final-Wirbel das Publikum zu begeistertem Beifall animierte und das Orchester zu einer Zugabe, einem von Brahms Liebeslieder-Walzern. Bleibt zu hoffen, dass das nächste Orchesterkonzert der Herbstlichen Musiktage künftig in der Reutlinger Stadthalle ausgerichtet werden kann.

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