Genieß es! Pflücke den Ton!

Immer wieder spannend: die öffentlichen Meisterkurs-Proben. Gestern gab die Weltklasse-Sopranistin Helen Donath wertvolle Tipps und zeigte Nachwuchssängern aus Dänemark bis China, worauf es ankommt.

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Auch wenn das Singen so einfach scheint: Es muss von den Berufssängern hart erarbeitet werden. Ein stabiles Nervenkostüm ist dabei nützlich, vor allem dann, wenn der Unterricht - wie nun während der Herbstlichen Musiktage - öffentlich stattfindet.

Helen Donath, Sopranistin von Weltrang und 1981 Musiktage-Mitbegründerin ("ich war dabei, durfte mitträllern"), betreut dieses Jahr sieben internationale "Zöglinge", die zweimal im Bürgerhaus Schlossmühle vors Publikum treten. Großteils sind es junge Sänger, bei denen nur noch an Details gefeilt werden muss; manches Opernhaus dürfte sich glücklich schätzen, sie zu gewinnen. Auch Gesangsdozent Prof. Michael Gehrke begleitet den Kurs.

Bei der ersten öffentlichen Probe stand die Oper im Vordergrund, meist Mozart. Der kleine Saal unterm Dach wurde zum Opernhaus, nur dass die Sängerinnen und Sänger ihre Arien zum Klavier (wieder dabei: Korrepetitor Henning Lucius) vortrugen: als Despina und Fiordiligi, Nurina oder Graf Almaviva in Jeans. Schwierig ist für alle das Singen in einer fremden Sprache, ob deutsch oder italienisch. Helen Donath als polyglotte gebürtige Texanerin weiß, wie man damit umgeht. Sie korrigiert nicht nur unermüdlich Aussprache und Ausdruck, sondern rückt die Dinge auch zurecht: "Mein Japanisch ist längst nicht so gut wie dein Deutsch", und später: "Mein Chinesisch ist auch nicht so gut." Überhaupt widmet sie sich mit viel Temperament, Einfühlung und Humor ihrer Aufgabe. Sie verteilt herzliches Lob, ihre Ratschläge unterstreicht sie mit lebhafter Gestik. Es geht um die körperliche, aber auch um innere Haltung der Singenden und um die Grundlagen des Musizierens überhaupt: "Ihr sollt nicht die Kompositionen neu schreiben, sondern sie genau lesen. Stellt euch vor, Mozart hätte euch morgens die Noten gegeben!"

Dazu gehört auch, die Situation zu erkunden: "Welches Gefühl steht dahinter?" Vor allem vermittelt Helen Donath Selbstvertrauen: "Du hast eine wunderbare Stimme, du hast uns etwas zu schenken - gib es uns!" Angst vorm Spitzenton? "Sag dir: Ich - bin - Sopran!" Noch ein wenig zu gezwungen? "Enjoy! Genieß es, es ist so schön! Gib dem Ton Raum, nimm dir die Freiheit, die Töne sind ja da." Ihre Vergleiche sind bildhaft, für eine Arie aus Haydns "Schöpfung" etwa rät sie: "Pflücke den Ton wie reifes Obst!" - und es ward so, um mit Haydn (und der Bibel) zu sprechen. Die direkte, doch nie verletzende Art der 74-jährigen Spitzensängerin entspringt einer tiefen Liebe zur Sache: der Aufgabe, der jungen Generation ihre Erfahrung - wenigstens "in kleinen Päckchen", wie sie sagt - weiterzugeben und die noch vorhandenen kleinen Fehler "im Embryonalzustand zu regeln", um den Sängern spätere Probleme zu ersparen und künftiges Gelingen zu sichern.

Manchmal greift sie zu praktischen Mitteln: Dann formt sie die Singstimme nicht nur - wie meistens - gestisch mit, sondern spielt Szenen oder nimmt einen Zuhörer aus der ersten Reihe in den Arm, um dem Singenden zu zeigen, wie ein Walzerlied schwingt.

Sie bringt sogar eine Sängerin dazu, beim Singen entspannt zu hüpfen - so gelingt das "mi piace scherzar" der Nurina viel überzeugender. "Diese Freiheit müssen wir finden", betont Helen Donath.

Die Fortschritte der Sänger während der kurzen Unterrichtszeit sind mit Händen zu greifen - zum Abschlusskonzert am Freitag darf man sich auf vorzügliche sängerische Leistungen freuen.

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