Fremd im eigenen Dorf

Nachbarschaftstreffen in Urach: Das heißt für viele evangelische Christinnen aus der Kurstadt und den Albgemeinden, sich in gemütlicher Runde zu treffen und viele Anregungen mit nach Hause zu nehmen.

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Gabriele Wulz sprach in Urach über das Thema "Fremdsein". Foto: Kirsten Oechsner

Die Frauen aus Bad Urach und den angrenzenden Albgemeinden haben sich weder von Schnee und Eis noch von Faschingsdienstag und möglichen Konkurrenzveranstaltungen der Seniorentreffs oder Vereinen in ihren Heimatorten vom Besuch eines Traditionstermins abbringen lassen: dem Nachbarschaftstreffen. Rund 50 Frauen verbrachten den Vormittag gemeinsam im Hartenstein-Haus, nach der Mittagspause wurde der Kreis um rund 30 Teilnehmerinnen größer.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht zwar die Auseinandersetzung mit einem Thema in unterschiedlicher Form, seis bei der Bibelarbeit mit Dekan Harald Klingler oder beim gemeinsamen Singen passender Lieder. Das Nachbarschaftstreffen dient aber auch vielen Frauen als Möglichkeit, Bekannte zu treffen und unter Umständen auch der Einsamkeit zu entfliehen. Deshalb ist vielen auch das gemeinsame Kaffeetrinken und das Mittagessen im großen Kreis wichtig, Themen gibts genug, wenn man sich schon lange nicht gesehen hat. "Anderssein und doch daheim - wie Frauen Fremdheit begegnen" hieß das von der Landeskirche vorgegebenen Thema, wobei sich das Uracher Vorbereitungsteam weniger mit dem Aspekt Migranten befasste: "Da holen wir die Frauen nicht in ihrer wirklichen Lebenswelt ab", weiß Renate Klingler, die das Nachbarschaftstreffen mit Amanda Keller und Heide Halder organisierte. Vielmehr ging es ihnen um die eigenen Erfahrungen des Fremdseins - als in die Familie kommende Schwiegertochter, als Heimatvertriebene oder als Zugezogene. Da können schon einige Kilometer Welten bedeuten, wie am Morgen deutlich wurde.

Nicht anders erging es Referentin Gabriele Wulz, die mit sieben Jahren von Darmstadt nach Schwaben gezogen war und Probleme mit der Verständigung hatte: "Das Gefühl des Fremdseins habe ich selbst erlebt." Inzwischen sei sie in der Fremde jedoch heimisch geworden: Seit 2002 wirkt Gabriele Wulz als Prälatin in Ulm. Doch die Menschen würden nicht nur Fremdheit empfinden, weil sie anders sprechen, einem anderen Kulturkreis angehören oder eine andere Hautfarbe haben. "Wenn man sich in seinem Dorf umschaut, kann man auch fremdeln." Weil sich so vieles verändert, Gewohntes und Vertrautes verschwindet - doch: Veränderungen gehören zum Leben, sagt Wulz. Und deshalb könne Fremdes als Chance verstanden werden, sich näher zu kommen und sich anderen oder anderem zu öffnen. In jedem Fall haben das Referat und die vielen Impulse im Lauf des Tages viele Besucherinnen zum Nachdenken gebracht. Denn jede ist in irgendeiner Form schon irgendwie fremd gewesen. Denn, so hatte eine spontane Umfrage ergeben: Nur sieben der Frauen hatten keine schwäbische Wurzeln, doch fremd haben sie sich durchaus schon einmal gefühlt.

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