Freiheit und schöne Mädchen

Vor 60 Jahren haben die Männer ihr Abitur am evangelisch-theologischen Seminar Urach abgelegt. Das Jubiläum weckte viele schöne Erinnerungen.

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Die evangelisch-theologischen Seminare in Württemberg hatten einen exzellenten Ruf. Die ehemaligen Schüler, die vor 60 Jahren ihre Hochschulreife erwarben, erinnern sich gerne an ihre Jahre in Urach. Foto: Angela Steidle  Foto: 

Wir haben ihn verehrt, unseren Ephorus“, erzählt der frühere württembergische Landesbischof Eberhardt Renz. Hermann Storz war nach dem Krieg stellvertretender Bürgermeister von Urach und als Seminarleiter bei „seinen Buaba“ hoch angesehen. Die trafen sich unlängst zum 60. Jahrestag ihrer „Promotion“ an alter Wirkungsstätte.

Promotion hieß seinerzeit die Vorbereitung aufs Studium. Nach der kargen Zeit im Klosterseminar des 500 Seelen-Dorfes Schöntal an der Jagst waren die zwei Uracher Jahre bis zum Abitur für die Internatszöglinge eine wahre Befreiung: nächtliche Streifzüge und Debatten, die Tanzstunden endlich mit richtig „schöne Mädla“.

Der Abschluss am altsprachlichen Gymnasium des evangelisch-theologischen Seminars Urach war  hoch angesehen. Die Entwicklung hin zur bedeutenden Bildungsanstalt begann während der Regentschaft von Herzog Christoph, der die Klosterschulen im eigenen Hoheitsbereich zu Kaderschmieden umwandelte, „um den Beamtennachwuchs sicherzustellen und so die Reserven in bildungsarmen Gegenden abzuschöpfen“, erklärt Pfarrer Hans Dieter Haller aus Kirchberg an der Jagst: „Urach war für alle ein Fortschritt. Wir hatten es richtig schön hier. Auch wenn wir das eine oder andere Mal von den örtlichen Pietisten in den Senkel gestellt wurden.“ Auch Dr. Walter Schiele, ehemals Schulleiter in Münsingen, erinnert sich lebhaft an die „bewegten Zeiten auf mancherlei Ebenen: Es war die Vorwegnahme des Lebensgefühls der Sechzigerjahre  mit einer großen Vielfalt an Charakteren“.

Voraussetzung für die hart umkämpften 36 „Freistellen“ (Stipendien) in Urach war das „berühmt-berüchtigte Landexamen in der 9. Klasse“, so Schiele. Eingerichtet für den hoffnungsvollen Nachwuchs im Amt des Pfarrers oder Lehrers. Etwa ein Drittel des Uracher Jahrgangs wurden später tatsächlich Lehrer oder Pfarrer. Wer nichts Entsprechendes nachweisen konnte, musste die Studiengebühren zurückerstatten. Vor zehn Jahren hatten sich die ehemaligen Seminaristen das letzte Mal in ihrer alten Lehranstalt, dem heutigen Einkehrhaus der evangelischen Landeskirche, getroffen, um Erinnerungen auszutauschen: Etwa an den Ton der Trillerpfeife als Weckruf unterm Schlafsaal-Fenster. Teilweise waren bis zu 13 Buben in einer Stube. Der heutige Brenz-Saal war früher einer der Lehrsäle. Die Kapelle mit Blick ins Schiff der Amanduskirche dürfte früher das Bücherlager gewesen sein: „Weil hier im Steinbau nichts feucht wurde.“

Solche Klassentreffen sind Nostalgie pur, weiß Dr. Walter Schiele. „Man wird sentimental im Alter“, ergänzt Pfarrer Hans Dieter Haller. Für den ehemaligen Landesbischof Eberhardt Renz ist das Seminar die lebhafte Erinnerung an seine zweite Familie: „Für mich war das eine großartige Zeit. Meine zwei Geschwister waren gestorben. Hier hatte ich jede Menge Gesellschaft.“ Als einer der Ältesten (Jahrgang 1935) war auch er in den Genuss einer Freistelle gekommen. Noch vor vier Wochen hatte der Tübinger seine Goldhochzeit in der Amanduskirche gefeiert und war dabei von einer ehemaligen „Tanzstunden-Dame“ angesprochen worden.

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