Feuer im Paradies

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Eine Delegation aus dem Landkreis um Holger Dembek und Thomas Leichtle war kürzlich wieder auf Thassos unterwegs.  Foto: 

Es hätte richtig gut laufen können mit den Wanderern und der Insel Thassos. Vielleicht hätten schon dieses Jahr viele Herbsturlauber zu Fuß die Wälder auf dem griechischen Eiland erkundet. Womöglich hätten sie dem Tourismus dort sogar bald zu einer neuen, starken Sparte verholfen. Immerhin feilt eine Projektgruppe um Mitglieder des Grafenberger Albvereins an einem Mountainbike- und Wegenetz für Thassos. Bald wollten die Helenen und Helfer aus dem Landkreis neue Strecken in den Wäldern auf Thassos anlegen. Ihr Ziel: Endlich nicht nur Badetouristen anlocken, sondern auch mehr Radler und Wanderer. Aber wie gesagt: Es hätte gut laufen können. Denn vergangenes Jahr brannten die Wälder auf der Insel im thrakischen Meer. Wo einst die Mittelmeer-Kiefer wuchs, entblößen sich jetzt nur noch kahle Berghänge.

„Seit den verheerenden Waldbränden müssen wir ganz neue Prioritäten setzen“, sagt Holger Dembek. Grafenbergs ehemaliger Bürgermeister muss es wissen. Er besucht als Abgesandter des Landkreises Reutlingen regelmäßig die Insel Thassos. Dembek ist dort Ratgeber und Krisenhelfer, denn der Landkreis unterhält seit 2013 einen kommunalpolitischen Dialog mit Bürgern und Politikern auf Thassos.

Erst kürzlich weilte der langjährige Verwaltungschef wieder am thrakischen Meer, verstärkt durch weitere Experten aus der Region. Auch Thomas Leichtle, Geschäftsführer des Zweckverbandes Abfallverwertung Reutlingen/Tübingen und Jana Mokali vom Diakonischen Werk Württemberg, bringen ihr Know-How auf der Insel ein.

Alle drei zeigten sich im Gespräch mit unserer Zeitung geschockt von den Folgen des Brandes auf Thassos: 6000 Hektar Baumflächen hat das Feuer vom Herbst 2016 verschlungen, ein Viertel des Waldes auf der Insel ging in Flammen auf. Klar ist: das Wegeprojekt für Touristen muss zunächst warten. „Jetzt geht es vor allem darum, die Bodenerosion zu stoppen. Im Herbst und Winter gibt auf Thassos starke Regenfälle“, sagt Dembek. Gleichzeitig freuen sich alle drei Thassos-Helfer aber darüber, dass sie für die Wiederaufforstung des Waldes auf Thassos einen weiteren Partner für die Griechenlandhilfe gewonnen haben: Die Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg und die Aristoteles-Universität in Thessaloniki wollen in einem gemeinsamen Projekt ein Konzept für eine erfolgreiche Wiederbewaldung auf Thassos entwickeln.

Eine Sache, die nicht nur den Griechen Vorteile bringt, betont Holger Dembek: Die Hochschulen wollen auch aufzeigen, wie der Wald hierzulande am Ende des Klimawandels aussehen könnte. „Das ist eine klare Win-Win-Situation“, urteilt Dembek, der zudem auf dem persönlichen Austausch zwischen deutschen und griechischen Studenten verweist.

Und apropos Austausch: Der besteht zwischen Schwaben und Helenen seit Jahren auch im Bereich der Abfall- und Energiewirtschaft. Gerade der Müll ist ein Dauerthema auf der Insel. Weil die Europäische Union die überfüllten Deponien auf Thassos geschlossen hatte, karrten die Verantwortlichen jahrelang den Abfall mit den Touristenfähren aufs griechische Festland. „Das ist kein Zustand“, sagt Thomas Leichtle.

Der Chef des Abfallzweckverbandes Reutlingen und Tübingen ist seit drei Jahren ein gefragter Experte auf dem Eiland in der nördlichen Ägäis. Er und sein Verband entwickeln Ideen, wie auf der Insel weniger Müll produziert und dieser auch besser recycelt werden kann. Und Leichtle kann schon jetzt eine ordentliche Zwischenbilanz ziehen: „Seit 2014 hat sich unheimlich viel getan.“ So werden Alu, Glas, Plastik und Papier auf Thassos mittlerweile getrennt gesammelt, auch die Biotonne sei bereits Realität.

Sobald die Finanzierung steht, soll auf der Insel auch eine Abfallbeseitigungsanlage gebaut werden, so Leichtle. Der Metzinger relativiert allerdings: „In der Abfallwirtschaft braucht man einen langen Atem, auch bei uns.“

Dennoch blicken die Griechenlandreisenden unterm Strich zufrieden auf die jüngsten Infrastruktur-Daten. Auch ein Wasserkonzept – bei einer Million Touristen ist das kühle Naß ein wichtiges Gut – will die Insel auf den Weg bringen. Beratend wirkt dabei Klaus Brodbeck von der Dettinger Ermstal-Energie mit.

Und schließlich teilen Deutsche und Griechen sogar soziale Themen. Um die Pflegestation auf Thassos zu unterstützen, hat die Diakonie-Sozialstation Metzingen ein ausgemustertes Auto gespendet, auch das ehemalige Equipement eines Pflegeheims in Dettingen/Teck findet auf der Insel noch Verwendung. Hilfe zur Selbsthilfe leisten, das ist das Ziel auch für die ambulante Pflege auf Thassos, erklärt Jana Mokali, die von der Ägäis-Insel stammt. Ein Förderverein könnte ihrer Meinung nach die Pflege und die Gehälter der Mitarbeiter sichern.

Kurz, es geht auch ums Zwischenmenschliche. Nicht umsonst plant derzeit auch das Metzinger Dietrich-Bonheoffer-Gymnasium den Austausch mit einem Lyzeum auf Thassos, wie Holger Dembek erklärt.

Zustande gekommen ist die Kooperation zwischen der Insel Thassos und dem Landkreis Reutlingen im Rahmen eines Griechenland-Hilfe-Projekts des Gemeindetages Baden-Württemberg. Ziel ist es, die kommunale Selbstverwaltung der Insel zu stärken.

Experten aus der Verwaltung beraten vor Ort. Den Landkreis vertritt Holger Dembek mit mit Jana Mokali vom Diakonischen Werk Reutlingen. Die Sozialpädagogin stammt von der Insel Thassos.

Die Begleitung der Müllthemen hat Thomas Leichtle übernommen. Der Metzinger ist Geschäftsführer des Zweckverbandes Abfallverwertung.

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