Ermstäler erpresst Corinna Schumacher

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Vor Gericht musste sich ein Dettinger wegen Erpressung verantworten.  Foto: 

Der Reutlinger Amtsrichter Eberhard Hausch ist ein Freund der klaren Worte. Selbige schickt er am Ende der Verhandlung prompt in Richtung Anklagebank: „Ihr Vorgehen war der Aufstieg in die Profiliga – zwar noch nicht bundesligareif, aber so, dass eine Bewährung zu hinterfragen ist.“ Und dann warnt der Vorsitzende Richter den jungen Dettinger: „Wenn Sie noch einmal straffällig werden, dann fahren Sie ein“.

Nein, wie einer der ständig mit dem Gesetz in Konflikt gerät, wirkt der junge Mann nicht gerade. Die Schultern hochgezogen, den Kopf hinter den Händen oder in der der grauen Kapuzenjacke verborgen – so sitzt der 25-Jährige im Verhandlungsaal vor dem Reutlinger Schöffengericht. Er hält sich ein Blatt Papier vors Gesicht, wenn der Fotograf einer Boulevardzeitung die Kamera auf ihn richtet.

Keine Vorstrafen, keine Geldsorgen, nach eigenem Bekunden auch keine kriminelle Energie. Dennoch macht der junge Dettinger mit einem außergewöhnlichen Verhalten auf sich aufmerksam. Gewerbsmäßige Erpressung in zwei Fällen wirft die Staatsanwaltschaft dem gelernten Fahrzeug-Lackierer vor. Und mindestens einer der beiden Fälle klingt spektakulär, denn die vermeintlichen „Opfer“ des Dettingers zählen zu den wohl prominentesten Deutschen: Es handelt sich um die Familie des schwer verunglückten Formel-Eins-Piloten Michael Schumacher.

An Schumachers Ehefrau Corinna schrieb der Angeklagte im Februar 2016 eine E-Mail folgenden Inhalts: „Die Welt, in der wir leben, ist vergänglich ... wir bitten deshalb um ein kleine Spende in Höhe von 900 000 Euro“. Sollte die Adressatin nicht bis zum Stichtag bezahlen, könnten die Kinder der Schumachers schwer verunglücken, ließ der Mann durchblicken. In der Formel 4 (dort fuhr zum damaligen Zeitpunkt Schumachers Sohn Mick Rennen) passiere ja so allerhand.

Corinna Schumacher bezahlte nicht, sondern schaltete die Polizei ein. Und so hielt es auch ein Unternehmer aus Künzelsau, der etwa zwei Monate vorher ähnliche Post erhalten hatte. Der Ermstäler verfasste einen Brief an dessen Stiftung, forderte ebenfalls, ihm „eine Spende“ von 900 000 Euro zu überweisen. Auch in diesem Schreiben spielte der Ermstäler mit dem Gedanken, den Kindern des Unternehmers könne Gewalt widerfahren. Für die Geldeinzahlungen gab der Angeklagte übrigens seine private Kontonummer an (Richter Hausch: „Das fällt unter die Kategorie Dummheit“), weshalb die Polizei ihn recht schnell ausfindig machte. Für seine E-Mail an Corinna Schumacher legte sich der Mann eine anonyme E-Mail-Adresse an. Die Frau des Rennfahrers war zunächst als Zeugin nach Reutlingen geladen. Sie zu vernehmen, war schließlich aber nicht nötig: Der Angeklagte gestand in allen Punkten.

Doch wie kommt ein Mensch dazu, so zu handeln? Das fragte das Gericht den 25-Jährigen, wobei der Staatsanwalt auf die ohnehin schwierige Situation der Familie Schumacher verwies. „Warum jemand, der ohnehin genug Probleme hat? Ich dachte, das kann nicht wahr sein.“

Damals sei er einfach nicht bei Verstand gewesen, begründete der Angeklagte. „Ich schäme mich“. Weil er sich immer von einem befristeten Job zum nächsten hangeln musste, sei er psychisch belastet gewesen. „Außerdem wurde ich im Beruf gemobbt“. Der Dettinger hat nach eigenen Angaben keine Geldsorgen, er besitzt eine Eigentumswohnung und lege regelmäßig Geld beiseite: „Ich arbeite seit meinem 15. Lebensjahr.“

Am Ende der Verhandlung standen für Richter und Schöffen viele Fragezeichen. Das Motiv des 25-Jährigen, der sich als Eigenbrötler darstellte („ich gehe kaum raus“), blieb im Dunklen. Das Schöffengericht verurteilte den Mann schließlich zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung. Staatsanwalt Dr. Michael Pfohl lag mit seiner Forderung drei Monate darüber, Verteidiger Achim Unden hatte ebenfalls eine Bewährungsstrafe befürwortet. Die Höhe stellte er ins Ermessen des Gerichts.

Der Dettinger muss weiterhin 2000 Euro an den Verein „Hirnverletztes Kind“ bezahlen und weitere 2500 an den Kinderschutzbund Reutlingen. Für den Mann fallen zudem 50 Stunden gemeinnützige Arbeit an. Er bekommt einen Bewährungshelfer und muss sich in die Behandlung eines Psychologen begeben.

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