Erhard Friedrich gibt seinen Vorsitz beim Fanfarenzug ab

Nach Jahrzehnten hört der Chef-Fahnenschwinger beim Fanfarenzug als Vorsitzender auf. Seinem Publikum bleibt er aber mindestens für den Schäferlauf erhalten. Wenigstens ein Mal marschiert er noch mit.

|
Erhard Friedrich wie er schwingt und bebt. Foto: Thomas Kiehl

Es war vor 50 Jahren im Löwen: Der junge Erhard Friedrich geht in den Kellerraum und bestellt bei der Wirtin das "Menü I", während im Versammlungssaal der Fanfarenzug tagt. "Menü I", ein Paar Landjäger mit einem Ranken Brot. Dann schickt der Vorsitzende, Willi Buck, nach ihm, er möge hochkommen. Er hört noch, wie Buck der Versammlung mitteilt: "Also, ihr habts ja gehört, ich schlage Erhard Friedrich vor. Wer ist dafür?" Dann gingen alle Hände hoch, soweit man das beurteilen konnte, denn "die hintersten drei Reihen hat man vor lauter Rauch gar nicht mehr gesehen", erinnert sich Friedrich, der damals ohne Gegenwehr erstmals zum Vorsitzenden gewählt wurde.

Er hat das Amt mit einigen Unterbrechungen bis heute inne, zuletzt von 1993 an. Bis heute Abend, um genau zu sein. Dann wird die Jahreshauptversammlung einen Neuen wählen, sehr wahrscheinlich Manfred Schneider, der bislang zweiter Vorsitzender ist. So einfach kann sich der langjährige Fähnrich des Landesverbandes der Fahnenschwinger nicht lossagen von diesem Posten: "Jetzt gehts mir ehrlich gesagt beschissen." Aber er wird in diesem Jahr 75 Jahre alt. Der Zeitpunkt für einen Wechsel in der Vereinsführung ist ideal. Eine Jugendabteilung bringt Frische in den Verein, das Gasthaus "Fanfarenhof" ist glücklich verkauft, Schulden gibt es keine, der Fanfarenzug hat fast 400 Mitglieder, ein eigenes Grundstück und ein schmuckes Vereinsheim: "Besser geht es nicht."

Beim Schäferlauf möchte er nochmal mitmarschieren. Als Fahnenschwinger. Und zwar von der Spitze weg, zusammen mit Günther Salzer, der derzeit den Weltrekord im Fahnenhochwerfen hält. "Es zwickt und zwackt zwar hinten und vorne", klagt Erhard Friedrich, "aber ich habe einen guten Arzt". Insofern steht dem Start beim schönsten aller Heimatfeste nicht viel im Weg. Das neue Knie vielleicht, "ich muss halt noch ein bisschen abnehmen". Aufregende Zeiten habe er mit seinem Verein erlebt. 1979 den Karneval in Nizza beispielsweise. "Sonne, alles so frei, herrlich, einfach menschlich, mit einem Wort: schön!" Um Mitternacht wird ein Floß mit einer Puppe aufs Meer gesetzt, die Ebbe ziehts raus. Mittendrin im Trubel der Uracher Fanfarenzug. Oder zwei Jahre zuvor New York, Steubenparade. 19. September, 40 Grad im Schatten, die ewig lange 5th Avenue im Festzug hoch bei schweißnassen 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. So etwas vergisst man nicht.

Zwei Stecken und die Sitzfläche eines Holzstuhls hat Erhard Friedrich 1963 gebraucht, um es auf der Trommel zu einiger Virtuosität zu bringen. Ein Jahr später hatte er seinen ersten Auftritt, aber keine Uniform. Die lieh er sich von einem Kameraden. Als er sie Tage später zurückbrachte, herrschten immer noch die schwäbischen Urängste jener Zeit: Die Frau des Kollegen empfing ihn relativ charmant mit den Worten "Hosch au sHemmad gwäscha?" Tja, schön war die Zeit. Sie ist es noch. Und das Vereinsheim labt so manchen müden Wanderer. Immer dienstags gibts abends das Putzbier (so benannt, weil dienstags auch das Vereinsheim sauber gemacht wird), samstags ist ab 15 Uhr geöffnet, sonntags ab 9 Uhr. Jeweils bis zum Ende, über dessen Eintreffen keine verlässlichen Aussagen gemacht werden. Erfahrungswerten zufolge handelt es sich dabei um die Zeit zwischen 19 und 21 Uhr. Im Juli ist jeden Tag geöffnet. In diesem schönen Sommermonat kommen fast täglich Schulgruppen oder Kindergärten, die auf dem herrlichen Vereinsgelände ungestörte Sommerfeste feiern können. Das war unter dem Vorsitzenden Erhard Friedrich so, und das wird auch unter dem Vorsitzenden Manfred Schneider so bleiben.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Gewinnbringend für die ganze Schule

Kinder mit Behinderung werden seit diesem Schuljahr in einer Kooperationsklasse an der Schönbein-Realschule unterrichtet. weiter lesen