Eine Erinnerung, die bleibt

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    Dr. Dietmar Gann (2. von rechts) zusammen mit seiner Familie am Denkmal für seine Mutter. Foto: 
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    Friedel und Dietmar Gann im April 1972. Kurz vor seiner Abreise nach Amerika. Foto: 
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Dietmar Gann fühlt sich sichtlich wohl. Zufrieden reckt er die frische Brezel in die Höhe und urteilt lachend: „Das ist eine gute Brezel.“ Dass der 76-Jährige sie im historischen Sitzungssaal des Bad Uracher Rathauses zu sich nimmt, ist für den gebürtigen Uracher, der Deutschland 1969 in Richtung USA verlassen hatte und in den folgenden Jahrzehnten in Tuscon zum angesehenen und renommierten Kardiologen wurde, „ein unwahrscheinliches Ereignis“. Eines aber, das seine Gründe hat.

Die Stadt hat ihm, seiner Frau Elizabeth und seinen engen Familienmitgliedern am Donnerstag einen feierlichen Empfang bereitet. Die Festgemeinschaft mit langjährigen Weggefährten, dabei genauso schön wie der Anlass, wie Bürgermeister Elmar Rebmann die frohgestimmte Runde begrüßte. Denn als Zeichen der Verbundenheit zu seiner einstigen Heimat hatte Dr. Gann nicht nur seine Familie mitgebracht, sondern auch einen stattlichen Scheck. Über 10 000 Euro beläuft sich die Summe, die er der Bad Uracher Bürgerstiftung überlässt. Eine Schenkung, die – da war sich der glückliche und dankbare Stiftungsvorsitzende Bernd Wacker sicher – in die Analen der vielfältig arbeitenden Stiftung eingehen wird. Er versprach, die damit verbundene Verpflichtung, das Bad Uracher Gemeinwesen zu erhalten und auszubauen, im Sinne von Dietmar Gann zu erfüllen. Besonders ist ihm die Spende aber nicht nur wegen ihrer Höhe, sondern auch wegen der Geschichte, die damit verbunden ist.

Denkmal als Dank

Denn die Gabe ist auch als Dank an die Stadt gedacht. Sie hatte letztlich grünes Licht gegeben für ein von Gann gespendetes Denkmal auf dem Friedhof, das einerseits an die vielen Kriegswitwen und speziell an Ganns Mutter Friedel erinnert. Für Dietmar Gann ein langgehegter Herzenswunsch und Ausdruck seiner Dankbarkeit gegenüber seiner Mutter, die während widrigsten Nachkriegsjahren die Familie alleine durchbrachte und ihren Söhnen Dietmar und Klaus letztlich die Aufnahme eines Studiums ermöglichte. Ihr Vater fiel während des 2. Weltkriegs.

Doch Friedel Gann, selbst am 14. März 1980 in Urach verstorben, galt auch vielen anderen Menschen, Zeit ihres Lebens, als Instanz und Respektsperson. „Tante Gann“ wirkte als Diakonisse, Sozialarbeiterin und Krankenschwester in Personalunion. Sie war gefragte Ratgeberin und erste Anlaufstation bei Notlagen. „Sie hat ihr Leben den Menschen und ihren Kindern gewidmet“, beschreibt sie ihr Sohn Dietmar. Dabei hält er fest: „Sie war nicht fromm, aber tiefreligiös“.

Übergabe am Samstag

Bereits seit rund zwei Wochen steht auf dem Friedhof nun die vom Bad Uracher Steinmetz Hannes Reutter aus feinstem italienischen Carrara-Marmor gefertigte Skulptur. Am Samstag wird sie ihm Rahmen einer Feier schließlich offiziell übergeben. Sie zeigt eine Frau, die ihre Hand schützend um ein Kind legt, während sie ein weiteres auf dem Arm trägt. Der Titel: „Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit“. „Ja, genauso war meine Mutter“, so Ganns Reaktion, als er dem Denkmal am Donnerstag erstmals entgegentrat. „Geld und Besitz war für sie nichts mehr“, erinnerte er sich an die Zeit, in der seine Familie alles verloren habe und gar das Harmonium für ein paar Säcke Kartoffeln eintauschen musste.

Trotz der langen Zeit in den USA, Gann gründete in Tuscon 1984 ein Herzinstitut und 1994 eine Herzklinik, rissen die Verbindungen in seine Heimat nie ab. 2001 kehrte er erstmals zurück. Inzwischen feiert er alle fünf Jahre Geburtstag in der Grafenstadt. Sein erster Gang führt ihn dabei immer an das Grab seiner Mutter. Sein zweiter auf den Michelkappel. Die Bäume haben er und sein Bruder vor langer Zeit gepflanzt. In Bad Urach schließen sich für ihn gleich mehrere Kreise.

Die offizielle Übergabe der Skulptur, mit der Inschrift „Zum Gedenken an Friedel Gann“ findet am morgigen Samstag um 14 Uhr auf dem Friedhof der Stadt Bad Urach statt.
Der Posaunenchor wird ebenso aufspielen, wie Dr. Dietmar Gann eine persönliche Ansprache halten wird. Sprechen wird auch Dietmar Schrade, als Vertreter der Stadt und des verhinderten Bürgermeisters Elmar Rebmann.
Ab etwa 15 Uhr wird zudem Organist Armin Schidel für Familienangehörige und ihre Freunde auf der Orgel der St. Amanduskirche klassisch musizieren.
Anschließend, gegen 16 Uhr, wird es im Hof des Stifts ein offenes Beisammensein geben. Organisator Uli Beck rechnet mit etwa 100 Gästen.
Auch kurzentschlossene Besucher sind eingeladen, Freunde zu treffen, sich in Gespräche zu vertiefen und bei einem kühlen Getränk Bad Uracher Erinnerungen an vergangene Zeiten und an Friedel Gann auszutauschen. wag

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