Eine Brücke ins neue Leben

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Vertreter des Landkreises haben Dettingens Gemeinderäten das neue Integrationszentrum vorgestellt. Foto: Thomas Kiehl  Foto: 

Manche Geschichten machen einfach Mut. Und zwar allen, die sich mit der  Zukunft der Flüchtlinge im Landkreis  Reutlingen befassen. Rudayn Isas Geschichte ist so eine: Da steht der junge Syrer vor Dettinger Kommunalpolitikern und erzählt von seinem beruflichen Werdegang und seiner Arbeit in der Ermsgemeinde. In mehr als ordentlichem Deutsch übrigens, obwohl der Mann erst vor gut einem Jahr aus seinem vom Bürgerkrieg zerstörten Land geflohen ist. In Syrien hat er betriebliches Personalwesen studiert, einen Master in England gebaut, später in seiner Heimat in Banken und Kommunikationsunternehmen sein Geld verdient. Seit er in Deutschland ist, paukt er die Sprache. Und nun arbeitet der Syrer als Bundesfreiwilliger im Integrationszentrum Ermstal in der Dettinger Fabrikstraße. Sein Ziel: Irgendwann beruflich im Personalwesen in Deutschland Fuß zu fassen.

  Ja, dieser „Rudi“, wie ihn seine Kollegen alle nennen, ist ein Paradebeispiel für einen, der es packen will. Einer, der ankommen möchte – im Job und in der Gesellschaft in seiner neuen Heimat. Doch für viele Menschen, die geflüchtet sind, ist der dorthin Weg weit, und die Bürden sind schwer: Wie gelingt der Zugang auf den Arbeitsmarkt, welche Ausbildung ist die richtige? Wo und wie können sich die Flüchtlinge bewerben, wie überhaupt die ganze Bürokratie managen?  Um hier helfen zu können, haben sich unter der Regie der Kreisverwaltung, Kommunen, Verbände und Initiativen im „Bündnis für Arbeit“ zusammengeschlossen und ein Job- und Integrationsprogramm (JIP) entwickelt (wir berichteten).

Beim „Bündnis“ werden  Angebote  der Agentur für Arbeit, der Jobcenter, der Industrie und Handwerkskammer, der Kreishandwerkerschaft, der Handwerkskammer, der Liga der freien Wohlfahrtsverbände und der Sozialpartner vernetzt. Direkte Anlaufstellen für Flüchtlinge in diesem Prozess:  die drei Integrationszentren, die der Landkreis im Reutlinger Industriegebiet Mark West, im Alten Lager in Münsingen und schließlich in der Dettinger Fabrikstraße eingerichtet hat.

Seit Juli stehen die Türen für Zuwanderer offen, seit Herbst herrscht richtig Leben in den ehemaligen Büroräumen der Firma Uniplast im vorderen Bereich des alten Eisenlohr-Areals.  Am Dienstag nun stellten die Verantwortlichen um den Sozialarbeiter Sven Jäger, Koordinator der drei Integrationszentren, ihr Projekt Mitgliedern des Dettinger Gemeinderates vor.

Wie wichtig solche Einrichtungen werden können, untermauerte Miriam Schmid, beim Landratsamt Koordinatorin für die Erst- und Anschlussunterbringung gleich eingangs mit Zahlen. Zwar kommen künftig deutlich weniger Flüchtlinge als im Jahr 2015  nach Deutschland – doch als Folge der veränderten Zugangs-Bedingungen in Europa, handelt es sich auch im Landkreis um Menschen aus Staaten mit höherer Bleibewahrscheinlichkeit, etwa Syrien, dem Irak oder Eritrea: „Sechzig Prozent der Zuwanderer haben die Möglichkeit, langfristig in Deutschland zu bleiben. Wir sollten uns auf die Integration konzentrieren“, empfiehlt sie.       Das versuchen Jürgen Jünger, der Leiter des Integrationszentrums Ermstal, und seine Mitarbeiter vor Ort in Dettingen. Sie sehen sich vor allem  als Koordinatoren, wollen „Betriebe und Flüchtlinge zusammenbringen“,  Praktika ebenso vermitteln wie 80-Cent-Jobs , außerdem die Ehrenamtlichen in der Asylarbeit unterstützen.

Wichtiger Pfeiler bleibt aber die Beratung der Zuwanderer „Viele Geflüchtete haben falsche Vorstellungen von einem Start ins Berufsleben“, sagt Sven Jäger. „Wir müssen erst erklären, was es bedeutet, wenn man hier eine Arbeit aufnimmt.“

Hier hakte Dettingens Bürgermeister Michael Hillert nach: Wie stehen die Chancen wirklich, die Flüchtlinge in die Arbeitswelt zu vermitteln, wollte er wissen. Wilhelm Schreyeck, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit in Reutlingen, setzt hier auf den Faktor Zeit. Man wisse heute (anders als in Zeiten erster Flüchtlingsströme), dass viele Zuwanderer keinen Beruf und keinen Schulabschluss haben. „Deswegen ist es schwer, die Leute schnell in Arbeit zu bringen“.

Wichtig ist auch für ihn, dass die Asylbewerber die deutsche Sprache lernen. Klappt das, setzt Schreyeck ein ehrgeiziges Ziel: „Dann könnten bis in zehn Jahren, wie bei den anderen Zuwanderungswellen, gut 80 Prozent  der Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt integriert sein“.

Auch gelte es,  die Geflüchteten so weit zu qualifizieren, dass sie nicht auf der Hilfsarbeiter-Ebenestehen bleiben, antwortete der Chef der Arbeitsagentur auf einen Einwurf von Dr. Rolf Hägele. Der  FWV-Vorsitzende hatte angemerkt, in den  Dettinger Betrieben seien nicht Helfer, sondern eher Facharbeiter gefragt.

Für Oliver Queck, Geschäftsführer der Online-Platform „Jobkraftwerk“, Partner des Integrationszentrums, ist es deswegen wichtig, die individuellen Fähigkeiten der Flüchtlinge herauszuarbeiten. Auch Motivation ist ein Thema. Wilhelm Schreyeck verweist hier auf gut 200 Praktikumsplätze, die 160 Betriebe für die Zuwanderer anbieten.      

Eine Aufagbe also für die Experten in der Fabrikstraße an. Dort geht es aber auch um Bildung im Allgemeinen sowie und um soziale Kompetenz der Flüchtlinge, betont Jürgen Jünger.  So gibt es beispielsweise einen Sprachkurs für Frauen, nebst Kinderbetreuung des  Tagesmüttervereins  (später soll dort eventuell Platz sein für Einheimische Kinder). Außerdem suchen die Verantwortlichen im Integrationszentrum den Kontakt zu Ermstäler Vereinen und auch anderen Initiativen. So soll demnächst auch eine Ausstellung von Pro Asyl in die Räume im Uniplast-Areal ziehen.          

 

 

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