Ein langer Weg über trügerische Eisflächen "Schubertiade I" bei den Uracher Musiktagen

Eine "Winterreise" auf neuen Wegen: Florian Prey und das Diogenes Quartett durchwanderten eine Werkbearbeitung, die der Komponisten Thomas Fortmann für Sänger und Streicher eingerichtet hat.

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Florian Prey (Bariton) mit dem Diogenes Quartett beim Musikherbst.  Foto: 

Die Hauptstation der diesjährigen Donau-Reise des Festivals ist Wien. Magischer Anziehungspunkt: Franz Schubert, dessen Werk schon der Musiktage-Gründer Hermann Prey intensiv pflegte. Nun wurde ein neuer Zugang zu Schubert und seinem Liederzyklus "Winterreise" eröffnet. Die Idee des 63-jährigen Schweizer Komponisten Thomas Fortmann: die Klavierbegleitung für Streichquartett umzuarbeiten - für eine Besetzung, die auch von Schubert mit Meisterwerken bedacht wurde.

Die Aufführung in der Pfarrkirche St. Josef fand viel Interesse. Gebannt verfolgte man den Aufbruch des Sängers/Wanderers und der neuen Streichergefährten: Was sonst als Klavier-Anschlag die Melodie begleitet, vermittelte als feines Streicher-Pizzicato einen frappierenden Eindruck von Kälte, die gestrichenen Neben-Melodien bei aller Sanglichkeit ein Gefühl der Gefährdung, das den ganzen Zyklus durchzog. Während die Hammer-Mechanik des Klaviers und die Begleiter-Rolle des Pianisten oft nur die Oberfläche darstellen, gewährte der direkte, sensible Zugriff der Streicher einen Blick in die Tiefe.

Auch die übrigen Lied-Streicher-Sätze faszinierten mit fein differenzierter, kontrastreicher Expressivität. Der "Lindenbaum": aufgeraut und verfeinert zu einer nuancierten Schwarz-Weiß-Skizze, "Auf dem Flusse" mittels scharfer Tremoli gesteigert zu fesselnder Dramatik, die Eisblumen im "Frühlingstraum" gläsern durchleuchtet. Der lange Weg über die trügerischen Eisflächen wurde sorgsam tastend nachvollzogen bis zu dem aufs Äußerste reduzierten "Leiermann", der geradezu frösteln machte.

Das junge Diogenes-Quartett (Stefan Kirpal, Gundula Kirpal, Alba González i Becerra und Stephen Ristau) erwies sich als vorzüglicher Mit-Interpret neben Florian Prey. Dieser hielt sich auf unprätentiöse Weise zurück: Er artikulierte deutlich und fügte seine Stimme als Primus inter pares - auch räumlich, zwischen Violine und Viola stehend - behutsam ausbalanciert in das wache Zusammenspiel des Diogenes Quartetts ein.

Dieses hat sich seinerseits intensiv mit Schuberts Kammermusik auseinandergesetzt: Es arbeitet an einer Gesamteinspielung des Streichquartettschaffens von Franz Schubert und musizierte den von Thomas Fortmann idiomatisch gesetzten Streicherpart nicht als bloße Begleitung, sondern als Träger des Ausdrucks, so dass die vier Streicher oftmals Hinter- und Abgründe aufzeigten, die das Klavier nicht darstellen kann. Manchmal kam der Eindruck auf, hier neu entdeckte Streichquartette von Schubert zu hören: Betörend sanft und klangschön musizierte Abschnitte erinnerten etwa an das berühmte D-Moll-Quartett "Der Tod und das Mädchen".

Als heikler Punkt erwies sich das Zusammenspiel von Streichern und Singstimme. Es kostete die Beteiligten höchste Konzentration, stets punktgenau die Stimmen zu verzahnen; manchmal trennten sich die Wege. Doch insgesamt konnte man eine schlüssige, mittels erhöhter Sensibilität durchleuchtete "Winterreise" miterleben.

Als Ruhepunkt nach der Reise folgten zwei "Reflexionen über die Winterreise" von Thomas Fortmann, mit "Der süße Ton" überschrieben. Darin verbindet er eigene Zeilen mit (teils umgestellten) Texten von Schubert selbst und versieht sie zum einen mit ostinaten Rhythmen, zum andern mit Schubert-Zitaten - als Abschluss, der den Blick nach vorn öffnete. Anhaltender, herzlicher Applaus, auch für den Komponisten, der mit aufs Podium trat.

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