Ein Gespür für neue Töne

Was für eine Kraft das Zusammenspiel von Geige und Cello entfalten kann! Die renommierten Solisten Julia Fischer und Daniel Müller-Schott begeisterten das Publikum mit ihrem Duo-Auftritt in der Festhalle.

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Zu Beginn tritt Julia Fischer allein auf die Bühne, und dies gleich mit einer Perle des Repertoires: Johann Sebastian Bachs Sonate Nr. 1 in g-Moll für Violine solo. Ruhig und souverän legt sie (auswendig) Bachs vielschichtig verflochtene Konstruktionen dar, spürt nach, fasst zusammen, setzt Akzente, arbeitet Spannung und Steigerung heraus; ihre Logik ist schlüssig und stilbewusst. Der schlanke, klangvolle Ton wird biegsam gestaltet, Akkorde und Mehrstimmigkeit hat sie sanglich und sicher im Griff.

Das Donau-Motto kommt mit dem Ungarn Zoltán Kodály zum Tragen, dessen Duo für Violine und Violoncello an die zweite Stelle des Programms vorgezogen wird. Hier findet auch das am Vorabend eingeführte Thema "Erster Weltkrieg" eine Fortsetzung: Kodály notierte den ersten Satz 1914 in Vorarlberg.

Entzücken und Verzweiflung zerreißen angeblich das Stück, doch Julia Fischer und Daniel Müller-Schott verbinden die Widersprüche in einer kontrastreichen und geschlossenen Interpretation. In wachem Zusammenspiel gehen sie aufeinander ein, loten die damals neuartigen Klänge aus, spürten Kodálys Ideengang nach, lassen die Saiten singen, sprechen, erzählen, und im schräg folkloristischen Finale - mit viel Spielwitz - furios tanzen.

Zwei Interpreten, drei Instrumente: Nach der Pause setzt sich Geigerin Julia Fischer an den Flügel, um Franz Schuberts "Arpeggione-Sonate" zu begleiten - eine Seltenheit, konzentrieren sich die Solisten in der Regel doch auf ihr jeweiliges Hauptinstrument. Den Arpeggione, eine Art Cello-Gitarre, für den Franz Schubert eine Sonate komponiert hat, spielen - im Nachbau - nur wenige Spezialisten, die Sonate ist von Violen- und Cello-Spielern gleichsam adoptiert worden.

So auch von Daniel Müller-Schott, der sie als gefälliges Gegenstück zwischen die provozierenden Stücke von Zoltán Kodály und Maurice Ravel stellt. Er gibt der technisch schwierigen, doch musikalisch leichtgewichtigen Sonate nur soviel Gewicht wie nötig, dafür die Jugendfrische und Leichtigkeit, die ihr zustehen. Julia Fischer assistiert unprätentiös am Klavier. Dann wieder ein Werk des Um- und Aufbruchs nach dem Ersten Weltkrieg: Maurice Ravels Sonate für Violine und Violoncello op. 7, der Erinnerung an Claude Debussy gewidmet, von dessen impressionistischem Stil sie sich radikal abwendet. Nüchtern, hart und eigenwillig stieß sie das Uraufführungspublikum 1922 vor den Kopf, Ravel selbst bezeichnete das Stück als "Maschine für zwei Instrumente".

Ganz so trocken setzt das Duo Fischer/Müller-Schott es nun nicht um. Wie viele Musiker geben sie der "Maschine" einen klangschön beseelten Ton und so etwas wie eine menschliche Stimme. Ganz direkt brachten sie aber die Neuartigkeit der Sonate zum Sprechen: Die Klanglichkeit wird aufgeraut, wenns sein muss, mit Gewalt, da wird - mit Ravel - grob an den Saiten gerissen. Die Kontraste knallen geradezu aufeinander, lyrische Episoden und wilde Ekstase, feine Lineatur und breiter Bogenstrich.

Den Finalsatz steigert das Gespann zu einem Höhepunkt des Duettierens. Die neuartigen Klangfarben, Ausdruckswerte und Strukturen werden mit leidenschaftlicher Spiellust aufeinander losgelassen, bis die obsessiv, ja boshaft wiederholten Floskeln in Exzess und Abbruch enden. Auch die begeistert erklatschte Zugabe ließ aufhorchen: ein ähnlich ruppiger Satz aus Erwin Schulhoffs "Duo Zingarese".

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