Ein Dorf, das nach vorne blickt

Für Horst Vöhringer hat im Sommer ein neues Kapitel in seiner kommunalpolitischen Arbeit begonnen. Kaum im Amt lag auch schon eines der brisantesten Wittlinger Themen auf seinem Schreibtisch: die Steige.

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Horst Vöhringer vor seinem Dienstsitz: Das Wittlinger Rathaus bezeichnet der Ortsvorsteher auch gerne als Bürgerbüro.  Foto: 

Herr Vöhringer, die Wittlinger sind zwar freiwillig Teil der Kurstadt geworden, dennoch legen sie großen Wert auf ihre Eigenständigkeit. Was kann der Ortsvorsteher tun, um sie auch in der Zukunft zu bewahren?

HORST VÖHRINGER: In unserem Rathaus können wir sehr viel für unsere Bürger erledigen. Egal ob es um Anträge für die Rente, einen neuen Pass oder um eine bevorstehende Heirat geht. Ich spreche deshalb gerne vom Wittlinger Bürgerbüro. Bei dieser Arbeit unterstützt uns nicht zuletzt Bürgermeister Elmar Rebmann. Als ehemaliger Bezirksbürgermeister von Mittelstadt kennt er die Befindlichkeiten eines Stadtteils schließlich aus eigener Erfahrung. Außerdem entlasten wir die Stadtverwaltung mit unserer Arbeit ja auch.

Hat es Sie überrascht, wie viele Akten auf dem Tisch des Ortsvorstehers landen?

HORST VÖHRINGER: Über die Masse staune ich eigentlich immer noch ein wenig. Ich bin inzwischen mehrmals in der Woche im Rathaus, und das ist absolut notwendig, um alles zu bewältigen.

Vermutlich hält sich aber nicht jeder Wittlinger peinlich genau an die Dienstzeiten, die an der Rathaustüre stehen.

HORST VÖHRINGER: Die Leute kennen mich, deshalb haben sie keine Scheu, bei mir daheim anzurufen oder an der Haustüre zu klingeln. Aber damit habe ich gerechnet, schließlich war ich 15 Jahre lang stellvertretender Ortsvorsteher.

Dann haben Sie nicht lange überlegen müssen, um sich für den Chefpostens im Wittlinger Rathaus zu bewerben?

HORST VÖHRINGER: Als mein Vorgänger erklärte, er kandidiere nicht mehr, sind viele Wittlinger ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass ich mich um das Amt bewerbe, ich selbst übrigens auch. Inzwischen habe ich zwei sehr gute Stellvertreter, die Zusammenarbeit mit dem Ortschaftsrat funktioniert ebenfalls reibungslos. Mir ist es wichtig, von Anfang an Offenheit und Transparenz zu üben. Ich möchte kein Herrschaftswissen ansammeln, sondern allen die Chance geben, sich im Gremium einzubringen. Lieber diskutieren wir einmal mehr über ein Thema, damit die Entscheidung hinterher von einer breiten Basis getragen und akzeptiert wird. Damit meine Stellvertreter ebenfalls in ihr Amt hineinwachsen können, stimme ich ganz bewusst mit ihnen die Übernahme einzelner Termine ab.

Wer die Bürger in die Entscheidungen mit einbezieht, der erhält auch viele Rückmeldungen. Vermutlich nicht immer nur sachliche. Oder ist das in Wittlingen anders?

HORST VÖHRINGER: Naja, es wird schon einiges an mich herangetragen. Auch viel Privates. Leider kann ich den Leuten oft genug nicht direkt helfen, weil es formaljuristisch gesehen nicht in meine Zuständigkeit fällt. Allerdings kann ich schon den einen oder anderen Tipp geben, einen Sachverhalt prüfen oder ein Gespräch führen. Das genügt manchmal schon.

Das erste Aufregerthema in Ihrer Amtszeit haben Sie erfolgreich bewältigt, als die Steige einmal mehr gesperrt werden musste. Bleibt die Straße ein heißes Eisen?

HORST VÖHRINGER: Das Landratsamt hat inzwischen erkannt, dass die Wittlinger Steige eine besondere Brisanz besitzt. Darüber bin ich sehr froh. Zudem hat dieses Mal zum Glück alles bestens funktioniert, weil alles gut vorbereitet war.

Vor nicht allzu langer Zeit hat Wittlingen ein Neubaugebiet ausgewiesen. Füllt es sich allmählich oder schreckt die Lage auf der Alb und die immer wieder geschlossene Steige die Bauwilligen ab?

HORST VÖHRINGER: Zu Beginn lief es tatsächlich etwas zögerlich, das hat sich aber geändert. Die Stadt konnte zwischenzeitlich sogar alle ihre Grundstücke verkaufen. Auch an Auswärtige, die etwa die Hälfte der Zuzügler stellen. Das sind übrigens alles junge Paare, was mich natürlich besonders freut, weil wir damit auch ein Stück weit die Zukunft unseres Dorfes sichern.

Finden junge Eltern in Wittlingen überhaupt die nötigen Voraussetzungen, um sich dauerhaft niederzulassen?

HORST VÖHRINGER: Und ob. Ein Käuferpaar hat mir sogar gesagt, unsere Infrastruktur habe den Ausschlag für Wittlingen gegeben. Außerdem ist die Wittlinger Tiger-Gruppe die schönste weit und breit. Das behaupte nicht ich, das haben die Fachleute bei der Eröffnung gesagt. Und es stimmt ja, die Räume, in denen die Mädchen und Buben betreut werden, sind wirklich toll. Außerdem liegen Kindergarten und Grundschule direkt daneben, optimale Voraussetzungen also, damit die Mädchen und Buben behütet aufwachsen können.

Welches Thema brennt Ihnen als Ortsvorsteher denn besonders unter den Nägeln?

HORST VÖHRINGER: Mich beunruhigt, dass wir in unserem Gewerbegebiet derzeit keinen einzigen Platz mehr vergeben können. Es gibt zwar noch zwei, drei Flächen, die nicht bebaut sind, verkauft haben wir sie aber bereits.

Es gibt also weiteren Bedarf?

HORST VÖHRINGER: Wittlingen ist ein Ort, der nach vorne blickt. Das zeigt sich an den vielen jungen Unternehmern, die bei uns angesiedelt sind. Deshalb ist es wichtig, für die Betriebe, die expandieren wollen, Flächen bereit zu halten. Das ist in unserem Fall allerdings schwierig, weil auf der Gemarkung zahlreiche Schutzgebiete bestehen. Deshalb ist es wichtig, bereits jetzt Kontakt mit den zuständigen Behörden aufzunehmen, um langfristig Weichen zu stellen, denn die Betriebe, die es bei uns gibt, wollen in Wittlingen bleiben. Und wenn es Arbeitsplätze im Dorf gibt, ist das ein Stück Zukunftssicherung. Im Urlaub fahre ich immer wieder durch Dörfer in den französischen Seealpen, dann sehe ich Flecken, die mehr oder weniger verlassen sind und allmählich verfallen. Dann denke ich an unsere Schwäbische Alb und ihre Ortschaften, denen ein solches Schicksal erspart bleiben soll.

Experten sehen im Ausbau des Tourismus' ein tragfähiges Zukunftskonzept für die wirtschaftliche Entwicklung der Alb. Mit den Premiumwanderwegen setzt Bad Urach ein Zeichen auf diesem Gebiet, auch in Wittlingen. Wird die Idee angenommen?

HORST VÖHRINGER: Extrem gut sogar. Bei gutem Wetter werden wir von Ausflüglern fast überrannt.

Da ist es schade, dass die Wanderer so wenig Einkehrmöglichkeiten in Wittlingen finden.

HORST VÖHRINGER: Leider wird sich daran in absehbarer Zeit nichts ändern. Es gibt nicht einmal ein Gebäude, das wir einem interessierten Gastwirt anbieten könnten. Die Bürger haben immerhin die Chance, sich in diversen Vereinsheimen zu treffen. Der Albverein hat sein Häusle ebenso wie die Rulaman-Bombers oder SFC, der sein Vereinsheim im Backhaus hat. Und natürlich kehren viele beim TSV im Sportheim ein.

An ehrenamtlichem Engagement mangelt es in Wittlingen also nicht?

HORST VÖHRINGER: Bei uns lernen das die Jungen von den Alten. Darum gibt es bei uns in den Vereinen auch keinen Bruch. Viele Wittlinger engagieren sich sogar in mehreren Vereinen gleichzeitig.

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