Die zweite Heimat

Hinter den altehrwürdigen Uracher Fachwerkfassaden werden viele Sprachen gesprochen: Damit die Kurstadt für Männer und Frauen unterschiedlichster Herkunft Heimat wird, wurde ein Netzwerk aufgespannt.

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    Uta Röck ist Vorsitzende des Bad Uracher Arbeitskreises Integration.
  • Kinder und Erzieherinnen haben die Gäste beim Interkulturellen Nachmittag mit einem Lied in vielen verschiedenen Sprachen überrascht. Fotos: Kirsten Oechsner 2/2
    Kinder und Erzieherinnen haben die Gäste beim Interkulturellen Nachmittag mit einem Lied in vielen verschiedenen Sprachen überrascht. Fotos: Kirsten Oechsner
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Wenn sich der große Festumzug am Schäferlaufsonntag durch die Gassen der Uracher Altstadt schlängelt, empfängt das Publikum die mitmarschierenden Schäfer und Metzger mit besonders warmem Applaus. Beinahe ebenso euphorisch honorieren die Zuschauer den Auftritt der Folkloregruppe der türkisch-islamischen Gemeinde und des portugiesischen Trachtenvereins. Die Männer und Frauen in ihrer landestypischen Tracht bereichern nicht nur das farbenprächtige Bild, das der Umzug bietet, sie zeigen auch, die Zuwanderer aus dem fremden Kulturkreis sind in Urach angekommen. Die schwäbische Kleinstadt ist ihnen zur zweiten Heimat geworden.

Aus vielen Nationen stammen heute jene Bürger, die sich mit dem Namen "Uracher" schmücken dürfen. Uta Röck, die sich als Vorsitzende des Arbeitskreises Integration um die Migranten kümmert, hat es mit Zugereisten aus allen nur denkbaren Ländern zu tun: Eritreer, Perser, Polen, Ungarn, Türken, Italiener oder Kosovo-Albaner. Sie alle zogen mit Hoffnungen und Wünschen ins Schwäbische und trafen dort ihrerseits auf Erwartungen, die sich an sie richten.

In der Kurstadt entstand in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ein breit gefächertes Netzwerk, das sich mit Migration befasst, beispielsweise haben die christlichen Kirchen gemeinsam mit den Muslimen einen christlich-islamischen Dialog begonnen. Männer und Frauen, die sich pädagogischen Aufgaben widmen, gründeten ein Netzwerk Interkulturell. Dazu kommt die Arbeit, die der interkulturelle Freundschaftsverein leistet. "Vieles", sagt Uta Röck, "läuft in Urach über bürgerschaftliches Engagement."

In einer Serie will sich unsere Zeitung den Zugereisten widmen, über ihr Leben in der alten und neuen Heimat berichten sowie jene vorstellen, die sich in Bad Urach mit dem Thema Migration befassen. Zum Auftakt haben wir uns mit Uta Röck vom AK Integration unterhalten.

Frau Röck, wer zum Thema Migration spricht, der verbindet damit gerne den Appell an die Gesellschaft, diese möge den Zugereisten gegenüber Toleranz üben. Der mahnende Zeigefinger schwingt in solchen Äußerungen immer mit. Führen derart plakative Appelle nicht eher dazu, dass die Leute genervt weghören oder verärgert reagieren?

UTA RÖCK: Sicher ist die ständige verbale Forderung von Toleranz und Integration nicht immer hilfreich. Viel wichtiger scheint es mir, dass Menschen, egal welcher Herkunft, gleichberechtigt und gemeinsam die Verantwortung für unsere Gesellschaft wahrnehmen, den Alltag leben und gestalten, sich dabei begegnen und somit kennen- und schätzen lernen.

In welchen Bereichen schwebt Ihnen ein solches Miteinander vor?

UTA RÖCK: Es ist einfach gut, wenn bei der Gemeinderatswahl Menschen mit Migrationshintergrund kandidieren und nach den respektablen Wahlergebnissen hoffentlich das nächste Mal auch im Gemeinderat vertreten sind. Oder, dass das Netzwerk Demenz um Akteure mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund wirbt. Sie werden dort gebraucht als Mitgestalter des Netzwerks und Experten für ihre eigenen Bedürfnisse. Gemeinsames Planen und Organisieren im Rahmen der Interkulturellen Woche in Bad Urach, Diskussionen und Feiern im christlich-muslimischen Dialog, dies alles sind Anlässe, die gegenseitiges Verständnis fördern. Menschen lernen sich mit ihren Ansichten, Wertvorstellungen und Wünschen, aber auch mit ihren Fähigkeiten kennen.

Nochmals zurück zum Thema Toleranz. Wo hat sie Ihrer Ansicht nach Grenzen?

UTA RÖCK: Die Grenze ist für mich ganz klar. Die Grundrechte jedes einzelnen Menschen, eingebettet in unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung, sind nicht verhandelbar. Darüber hinaus sollten wir manchmal gegenseitig ein wenig Geduld aufbringen. Dabei gilt es allerdings genau hinzusehen und auftretende Schwierigkeiten nicht zu bagatellisieren. Nur ein gleichberechtigter, offener Umgang miteinander, der nicht vorschnell im Andren das Falsche oder die böse Absicht sieht, wird uns gemeinsam weiterbringen.

Halten Sie die doppelte Staatsbürgerschaft in diesem Zusammenhang für sinnvoll?

UTA RÖCK: Ja. Das entlastet die Betroffenen. Warum soll man sich unbedingt für eine Heimat entscheiden, wenn sie doch in zwei Ländern liegt.

Multikultureller Alltag: Kindergarten Grünes Herz gibt Einblicke in seine Arbeit

Der Kindergarten Grünes Herz liegt am Rand der Bad Uracher Innenstadt und ist dennoch mittendrin im Leben der Altstadt, denn er wird von den dort lebenden Kindern besucht. Und so international die Bevölkerung in Bad Urachs Gassen rund um den Marktplatz ist, so kunterbunt gemischt sind auch die Nationalitäten im Kindergarten: 65 Kinder werden derzeit dort betreut, der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund beträgt 95 Prozent. Kein Wunder, dass es lange braucht, bis Eltern, Großeltern, Erzieherinnen aus anderen Einrichtungen der Stadt sowie Mitglieder des interkulturellen Netzwerkes begrüßt waren: Denn die Kinder und ihre Erzieherinnen sangen ein Muttertags-Lied in (möglichst) allen im Kindergarten vertretenen Sprachen. Und die reichen von Schwäbisch über Türkisch, Italienisch und Russisch bis zu Libanesisch. "Wir haben uns die erste Strophe übersetzen und vorsprechen lassen", berichtet Kindergartenleiterin Stefanie Meyer von den Vorbereitungen des Mitarbeiterinnen-Teams. "Beim Üben wurden wir von den Kindern durchaus korrigiert", erzählt sie schmunzelnd.

Die Türen des Kindergartens haben die Erzieherinnen im Rahmen der Interkulturellen Woche der Stadt und des Arbeitskreises Integration geöffnet: Zum einen, um Außenstehenden einen Einblick in die Arbeit einer multikulturellen Einrichtung zu geben, und um andererseits den Eltern einen entspannten Nachmittag im Kreis der Kinder zu ermöglichen. Ein Angebot, das diese bei herrlichem Wetter gerne annahmen: Der Garten verwandelte sich in ein gemütliches Café, das Büfett war reichlich gefüllt, eine Köstlichkeit nach der anderen wurde hereingetragen. "Wir haben gar nicht mehr damit gerechnet. In die Listen, wer Essen mitbringt, war kaum jemand eingetragen", sagt Erzieherin Meyer. Das sei wohl eine Mentalitätsfrage, in anderen Kulturen werde mit dem Thema Verlässlichkeit großzügiger umgegangen. Andererseits stoße sie auf große Offenheit bei den Eltern: "Die Arbeit ist immer wieder spannend, weil man fremde Kulturen ganz anders kennen lernt", sagt Stefanie Meyer. "Man erhält einen anderen Einblick in das Leben der Familien."

Dabei gebe es auch unter den Migrantenkindern erhebliche Unterschiede: Die einen leben im geschlossenen Großfamilien-Clan, andere haben kaum familiäre Bindungen. Die einen gehören der inzwischen vierten Migranten-Generation an, andere sind so kurz im Land, dass sie kaum Deutsch sprechen. Oftmals seien die Eltern sehr jung, manche seien auf staatliche Unterstützung angewiesen. Vor diesem Hintergrund sei die Kindergartenarbeit eine große Herausforderung. Großes Ziel ist, die Sprache zu fördern. Drei Mal in der Woche werden die Kinder deshalb in Kleingruppen betreut. "Sie sollen so weit kommen, dass sie Deutsch können." Dann falle der Start in den nächsten Lebensabschnitt, die Schule, leichter. Doch daran dachte am interkulturellen Nachmittag niemand, im Vordergrund standen Spiel und Spaß: Es wurde gemeinsam libanesischer Gemüsereis gekocht, Fahnen wurden angemalt und aus Bilderbüchern in mehreren Sprachen vorgelesen. Und zum Toben auf den Spielgeräten braucht man keine Worte.

KIRSTEN OECHSNER

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