Die Villa des Nikolaus'

Die Zeit hat der alten Villa in der Königstraße manche Wunde gerissen, doch seinen Charme konnte das Haus bewahren. Gleichwohl ist das weitere Schicksal des Gebäudes offen, derzeit steht es leer.

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  • Die 1894 erbaute Hülbener Villa steht inzwischen unter Denkmalschutz. Fotos: Thomas Kiehl 1/3
    Die 1894 erbaute Hülbener Villa steht inzwischen unter Denkmalschutz. Fotos: Thomas Kiehl
  • Klein und eng, die Küche. 2/3
    Klein und eng, die Küche.
  • Die Decke im so genannten Salon, die auch von Bubeck bemalt wurde. 3/3
    Die Decke im so genannten Salon, die auch von Bubeck bemalt wurde.
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Die Mädchen und Buben des Hülbener Kindergartens sind sich sicher: In der alten Villa in der Königstraße wohnt der Nikolaus. Ihre Meinung gründet sich dabei keineswegs auf Spekulation, sondern auf reale Erfahrung. Ihre Erzieherinnen nutzten das Haus bereits, um als Gabenbringer verkleidet einen Sack mit Geschenken aus einem Fenster der Villa abzuseilen und so den Kindern einen besonderen 6. Dezember zu bescheren.

Tatsächlich vermag der Anblick der 1894 erbauten Villa die Fantasie zu beflügeln. Im Sommer efeuumrankt, umstellt von knorrigen, alten Bäumen und mit krumm getretenen Stufen wirkt die Villa als sei sie ein wenig aus der Zeit gefallen. Ihre Besitzerin, Agnes Nase, eine gelernte Modeschneiderin, die über ihre Mutter mit der Kullen-Dynastie verwandt ist, musste das Haus schweren Herzens verlassen. Sie zog vor einigen Jahren in ein Seniorenheim. Seither steht die Villa leer, wobei leer nicht unbedingt das richtige Wort ist, um das Innere des Gebäudes zu beschreiben. Möbel, Bücher, Kleider, die kleinen Dinge des Alltags, alles steht noch an seinem gewohnten Platz als warte es auf die Rückkehr der Herrin. Das indessen bleibt ein Traum, die alte Dame feiert dieses Jahr ihr 100. Wiegenfest und kann die Mühen, die ein eigener Hausstand in der alten Villa verursacht, nicht mehr tragen.

Erbauen ließ das Gebäude der Kunstmaler Carl Theodor Bubeck. Dessen Mutter stammt aus der Hülbener Familie Kullen, was erklären mag, warum der in Basel geborene Bubeck eine Heimstatt auf der Schwäbischen Alb suchte. Vielleicht sehnte er sich nach Familienanschluss, da seine Eltern und Geschwister während eines Ausflugs bei einem Eisenbahnunglück im Schweizer Jura ums Leben gekommen waren. Der Schweizer Staat entschädigte Carl Theodor Bubeck, er war krankheitshalber nicht beim verhängnisvollen Ausflug dabei, finanziell für den Verlust. Dieses Geld nutzte er, um die Hülbener Villa zu bauen. Seine Kunst stellte der Maler im Innern des Gebäudes unter Beweis, wie die Decke im so genannten Salon oder die Wände am Treppenaufgang zeigen. Genießen konnte Bubeck sein neues Heim aber nicht. Nur wenige Monate nach seinem Einzug starb er an Tuberkulose.

Das Gebäude ging danach auf die Familie Kullen über. Als Gast begrüßte sie dort zwischen 1900 und 1910 unter anderem den Kunstmaler Carl Bauerle, der die Sommer in Hülben verbrachte. Etliche Porträts, die Bauerle in jenen Jahren schuf, etwa von Schulmeister Johannes Kullen, hängen noch in der Villa und gelten als durchaus wertvoll. Schließlich eilt Bauerle der Ruf eines bedeutenden Porträtmalers voraus. Unter anderem wirkte er am Hof der englischen Königin Viktoria I., 1876 erhielt er die britische Staatsbürgerschaft. Einer seiner Söhne, Theodor, hinterließ gemeinsam mit dem Vater bleibende Spuren in Urach, in den Jahren 1900/01 brachten sie ein Freskodeckengemälde in der Amanduskirche an. Die britische Staatsbürgerschaft wurde dem Sohn im September 1914 jedoch zum Verhängnis. Ein deutscher Mob lynchte ihn, weil er Theodor Bauerle fälschlicherweise für einen englischen Spion hielt.

Diese und manch andere Wendung des Schicksals wurde sicher zum Gesprächsthema in der Villa. An umtriebiger Geschäftigkeit mangelte es in ihren Wänden jedenfalls nicht. Die Kullenfamilie sowie zahlreiche Freunde und Bekannte der jeweiligen Bewohner, schauten regelmäßig auf Besuch vorbei. Um alle unterzubringen, verwandelte sich das ehemalige Atelier von Maler Bubeck zeitweilig in mit Schränken abgeteilte Separees, um den Gästen auf diese Weise eine möglichst ungestörte Nachtruhe zu gewähren.

Während und nach dem Zweiten Weltkrieg wandelte sich die Villa zum Quartier für Flüchtlinge, bis zu 30 Personen teilten sich in jenen Tagen die Räume. Besonders eng ging es in der Küche zu. Sie wurde schon vom Erbauer nicht besonders großzügig geplant, anders gesagt, wenn dort zwei Leute werkeln, wirkt der Raum schon fast überfüllt. Agnes Nase, die bislang letzte Bewohnerin, lernte in den vergangenen Jahrzehnten mit dem Haus und dessen Eigenheiten zu leben. Wie es nach ihrem Auszug mit der inzwischen denkmalgeschützten Villa weitergeht, lässt sich derzeit noch nicht sagen. Indessen werden wohl nicht nur die Hülbener Kindergartenkinder hoffen, dass das Nikolaushaus noch lange mit Leben gefüllt ist.

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