Die lustigen Zehner

Zurzeit mehren sich in der Stadt Festlichkeiten zu diversen Jubiläen. Einige Vereine und Institutionen wurden oder werden zehn Jahre alt. Ein Zufall? Jedenfalls lohnt ein Blick in die Zeit nach der Jahrtausendwende.

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Der Zug des Lebens, das hat schon manch desillusionierte Seele erkannt, biegt gern mal ab auf ein Nebengleis. Ob privat oder beruflich. Feierabendphilosophen neigen in solchen Fällen dazu, innere Konsequenz einzufordern: „Love it, change it or leave it“, lautet die Maxime, also sinngemäß: Mag, was du tust. Ansonsten ändere es oder mach etwas ganz anderes.

Ein Blick zurück in die Jahre nach der Jahrtausendwende deutet auf einen damals latent vorhandenen Wunsch nach Veränderung hin. Die Jugend und die Junggebliebenen vermissten lebensbereichernde Angebote, etwa Musikkneipen, und sie erinnerten sich gerne an die großen Festhallen-Konzerte der 1970er Jahre mit Bands wie Guru Guru, Omega, Scorpions.

Diese Enddreißger und Mittvierziger wollten ganz neue Wege einschlagen, und weil es damals unter dem Dach der Lokalen Agenda eine Kulturwerkstatt gab, trafen sie sich zunächst zu informellem Gedankenaustausch und schon bald, um erste Veranstaltungen jenseits des Kurcafé-Images auf die Beine zu stellen. Anfangs, im Herbst 2004, ging es auch darum, dem grassierenden Ladenleerstand in der Innenstadt entgegenzuwirken. „Es war nichts los“, erinnern sich Heidemarie Pfeiffenberger und Kirsten Oechsner, beide von Anfang an dabei, „jedenfalls nichts für uns.“ Also wagten sie den Schritt und schufen etwas ganz Neues. Ihr Konzept hieß: Kultur rein in leere Läden. Es war die Geburtsstunde von „Kulturach“. Und schon die erste Veranstaltung war ein Erfolg: Booghk de Doo spielten im Nicolaiwasen, einem damals leerstehenden Gebäude. Das Publikum war begeistert.

Seither heißt es an jedem zweiten Freitag im Monat „Heut’ Abend sehen wir uns bestimmt bei Kulturach.“ Auf die leeren Räume kapriziieren sich die ehrenamtlichen Konzertveranstalter mittlerweile nicht mehr: „Die sind oftmals zu klein“, sagt Kirsten Oechsner und lässt sich das „zu klein“ auf der Zunge zergehen. 70 bis 80 Besucher kommen eigentlich immer, kürzlich in der Aula der Firma Riegler waren es fast 200, ehe die an diesem Abend für den Einlass verantwortliche Marlene Eggert niemanden mehr rein ließ: „Da standen schon alle Schulter an Schulter.“

Kulturach ist angekommen, schon lange. Auch bei den Künstlern. Die genießen die Atmosphäre. Zum Beispiel Ina Z, die durch regelmäßige Auftritte im LTT oder im Franz K. ihren Bekanntheitsgrad steigert und steigert und steigert. Es war Kulturach, die ihr damals zum Durchbruch verhalf, was Ina Z nie vergessen hat. Im Gegenteil, Künstler wie sie sind es, die Kulturach durch Mundpropaganda auch außerhalb der Kurstadt bekannt machen. Das geht so weit, dass die fast schüchterne Anfrage bei einer überregionalen Theater- und Kleinkunstgröße wie Heiner Kondschak, ob er sich vorstellen könne, bei ihnen aufzutreten, vom Künstler in fast überschwänglicher Begeisterung bejaht wurde: „Kulturach? Selbstverständlich!“

Dabei birgt ein Kulturach-Auftritt für die Künstler, nicht für die Veranstalter, ein finanzielles Risiko: Sie alle treten zum Eintrittspreis auf. Kommen viele Gäste, klingelt die Kasse, kommen wenig, reicht das Geld gerade noch fürs Taxi zum Bahnhof. Besucher müssen fünf Euro bezahlen, nie mehr, nie weniger. Das Kuriose daran: Es funktioniert. „Und wer sich von den Künstlern nicht darauf einlässt“, sagen die Kulturach-Macher selbstbewusst, „hat Pech.“ Dann gibt’s halt eine Absage. Finanziell haben sie ohnehin ihren Frieden mit der Außenwelt gemacht: „Damals bekamen wir keine Förderung, heute wollen wir keine mehr.“ Auch so etwas sagt sich nur mit breitem Kreuz.

Die eigene Kasse füllt Kulturach mit eigenen Auftritten. Dann steigen die (derzeit elf) Mitarbeiter selbst auf die Bühne, wie zuletzt bei den szenischen Lesungen am Roten Winkel. Wie beim italienischen Abend. Wie im Rosengässle, wie in der Weberbleiche. Und wie im Keller der Festhalle, wo Pfarrer Wilhelm Keller Kellergeschichten von Gottfried Keller las. Allein diese kellerschen Wort-Verknüpfungen zeugen von spielerischer Kreativität aller Beteiligter. So etwas spricht sich rum. Und Kulturach kann im zehnten Jahr seines Bestehens munter weiter planen. Es flutscht geradezu, oder wie es Heidemarie Pfeiffenberger gerne ausdrückt: Sie habe noch nie in einem Gremium mitgearbeitet, „in dem so flott organisiert wird.“ Auch Marlene Eggert wundert sich mitunter: „Es ist erstaunlich, dass zehn Weiber so gut zusammenschaffen“, sagt sie, um sich sogleich auf die Lippen zu beißen. Doch ihre Kolleginnen nehmen’s mit Humor, verweisen lediglich darauf, auch zwei Männer in ihren Reihen zu haben.

Weitaus mehr Männer gibt’s im Verschönerungsverein. Den gab es im Jahr 2002 noch nicht, als sich Gerhard Schwenninger mit seinem Hund auf die Suche begab nach einer Verbindung zwischen der Stadt und dem Haus auf der Alb, der so genannten Himmelsleiter, die ihm noch aus Kindheitstagen bekannt war. Doch sie war derart überwuchert, dass es reiner Zufall war, als er doch noch handgeschmiedete Eisennadeln fand, die Jahrzehnte zuvor die hölzernen Stufen befestigten. Er suchte Helfer, inserierte sogar in der Zeitung und fand in Willy Bayer aus Hülben und Willy Teufel erste Mitstreiter. Bald wurden es mehr, und dank der städtischen Kontakte zur Bundeswehr stand eines Tages ein gewisser Feldwebel Aichele mitsamt einer Kompanie Soldaten vor ihm stramm: „Melde mich auf der Baustelle Schwenninger“, salutierte er und hieß seine Männer absitzen und anschließend Eimer voller Kies schleppen, um die neuen Stufen einzuebnen. Es war ein Auftakt mit allen Ehren, wobei die Gründung des Verschönerungsvereins erst ein Jahr danach erfolgte. Als der Verein bereits etabliert war, im Juli 2006, setzten die Männer und Frauen um Gerhard Schwenninger ein Ausrufezeichen, das für die kommenden Jahrzehnte in die kollektive Erinnerung der Stadt zementiert wurde: Um das renovierte Dach des Aussichtspunkts „Michels Käppele“ hoch auf den Berg zu bringen, charterte Schwenninger nicht weniger als einen Lasten-Hubschrauber.

Die Stimmung damals, unten in der Stadt versammelten sich Schaulustige, auf dem Berg spendeten Pfarrer ihren Segen, erinnerte an ruhmreiche Oberamtsstadt-Tage und an den Besuch des Königs mit seinem Gefolge.

300 Mitglieder hat der Verein heute. Neben dem Bautrupp gibt es die Blumenfrauen, alle zusammen tun das, was in ihrer Satzung steht und weswegen sie der Stadt so gut tun: Sie verschönern Bad Urach, Schritt um Schritt, Bank um Bank, Brunnen um Brunnen. Zur 700-Jahrfeier der Stadt wollen sie sich etwas Besonderes einfallen lassen, um was es sich genau handelt, möchte Gerhard Schwenninger noch nicht verraten, doch es soll sich um eine Art Spende handeln.

Zehn Jahre alt ist auch die Schlichtungsstelle Ermstal, die die Juristen Lara Schmidt-Rüdt und Michael Gissibl aus der Überzeugung heraus gründeten, dass in Deutschlands Gerichten zu viel gestritten und geklagt wird, statt einvernehmlich in moderierten Gesprächen nach Lösungen zu suchen. Anfangs belächelt konnte sich die Schlichtungsstelle mehr als nur behaupten. Dependencen in Tübingen und Stuttgart geben dieser Art der Konfliktlösung nachhaltig recht.

Und dass die Stadt Bad Urach seit zehn Jahren eine der schönsten Stadtbüchereien in der Region unterhält, mag mancherlei Gründe haben. Insbesondere den, dass die Jahrhunderte alte Schlossmühle schlicht und einfach zu schade war, um abgerissen zu werden. Ihre aufwendige Sanierung gipfelte vor zehn Jahren in einer feierlichen Eröffnung, auch der Bücherei, die dem Gebäude ebenso wie Volks- und Musikhochschule neues Leben einhaucht.

Zur Info
Kulturach: Die derzeit aktiven Mitglieder von Kulturach sind (alphabetisch geordnet): Uschi Dettinger-Müller, Marlene Eggert, Carine Ewald, Hanna und Walter Kugele, Sonja Lanfermann, Helga Muckenfuß, Kirsten Oechsner, Heidemarie Pfeiffenberger, Sabine Seckinger und Helmut Stanger. Das Zehnjährige wird mit einem „Bäscht of“ am üblichen Kulturach-Freitag gefeiert, Kulturach ist immer am zweiten Freitag im Monat: Freitag, 14. November (Uhrzeit ist noch nicht ganz klar) in der Festhalle – mit dabei sind Ina Z, Les Roulettes, Frank Bierl mit Band, Die Traufgängerinnen sowie die Bands Most Wanted und Accoustic Malt mit einem Special. Außerdem sind Ausschnitte aus unseren Eigenproduktionen wie aus „Weibsbilder“ oder aus dem italienischen Abend zu sehen. Wer bei Kulturach mitmachen möchte, kann sich unter <SC610,83> (0<TH>71<TH>25)<TH>7<TH>00<TH>95 melden.

Schlossmühle: Aktionen und einen Einblick in die vielfältigen Kultur- und Bildungsangebote der Schlossmühle gibt es am Tag der Offenen Tür am Samstag, 5. Juli, ab 11 Uhr. Der Tag beginnt mit einem musikalischen Beitrag der Jugendkapelle des Musikvereins und einem Grußwort von Bürgermeister Elmar Rebmann. Um 12 Uhr startet die Präsentation des „Magischen Buches“ mit einem Buchstaben-Spiel- und Bastelparcours für Groß und Klein zum Mitmachen in der Bücherei. Mit musikalischen Beiträgen und einer Instrumentenberatung zeigt die Musikschule ihre vielfältigen Angebote. Genügend Zeit zum Lesen und Schmökern bietet die Stadtbücherei an diesem Tag. Außerdem wird ein Bücherflohmarkt sowie Kaffee, Kuchen und Getränke angeboten. Infos unter <SC610,83> (0<TH>71<TH>25) 9<TH>46<TH>30.

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