Der Meister des letzten Wortes

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Walter Damzog über den Bad Uracher Dächern: Von seiner Wohnung aus hat er das Rathaus immer im Blick.  Foto: 

Verantwortung zu übernehmen, war für Walter Damzog immer selbstverständlich. Schon in der Schule engagierte er sich in der SMV, später setzte er sich in der Fachschaft für die Interessen seiner Mitstudenten ein. Bürgerschaftliches Engagement hatte ihm bereits seine Mutter vorgelebt, die ein Mandat im Stadtrat inne hatte. 1994 trat er in ihre Fußstapfen, seither sitzt er für die FWV im Gemeinderat, zehn Jahre lang war er einer der Bürgermeister-Stellvertreter. Im Rat erlebte er turbulente Zeiten, in denen Thermalbad und Aquadrom in die Insolvenz schlitterten. Auch die Innenstadt veränderte sich rasant: Am Seilerweg und auf dem ehemaligen Gross-Areal entstanden große Einkaufszentren. Heute berät der Verwaltungsausschuss des Gemeinderats über einen Antrag von Walter Damzog, der sein Amt als Stadtrat abgeben möchte. Für den inzwischen 70-Jährigen soll Axel Steinhart ins Gremium nachrücken. Ein Gespräch über die Betreuung von Ehrengästen beim Schäferlauf, die Stadtpolitik und das letzte Wort in einer Gemeinderatssitzung.

Herr Damzog, Sie waren der Quartiermeister des Gemeinderats. Wie kommt ein Stadtrat zu diesem ehrenvollen Amt?

Walter Damzog Ganz einfach. Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, dass die stärkste Fraktion die Nachsitzung organisiert. Das Amt ist übrigens durchaus reizvoll, schließlich hatte ich in jeder Gemeinderatssitzung das letzte Wort.

Als Stellvertreter des Bürgermeisters kam Ihnen noch eine andere wichtige Funktion zu. Sie durften manchen Ehrengast während des Schäferlaufs betreuen. Das lief bestimmt nicht immer nach Plan?

An meinen ersten Schäferlauf als Stellvertreter erinnere ich mich noch gut. Ich war gerade ein halbes Jahr im Amt und hatte Hermann Prey in meiner Kutsche, unseren damals frisch gebackenen Ehrenbürger. Dabei bin ich völlig unmusikalisch. Ich hatte mir aber umsonst Sorgen über ein Gesprächsthema gemacht. Das Ehepaar Prey war sehr nett, beide haben sich riesig über die gute Betreuung gefreut. Ja, und dann war Hermann Prey verschwunden.

Einfach verloren gegangen?

Ja, bevor es in die Amanduskirche ging, war er noch da, und dann konnte ich ihn im ganzen Trubel nirgends mehr entdecken. Schließlich kam auch noch unser damaliger Bürgermeister Fridhardt Pascher auf mich zu und wollte wissen, wo Hermann Prey steckt. Den ganzen Gottesdienst über habe ich mich in der Kirche immer wieder nach ihm umgesehen. Mir war gar nicht wohl. Und plötzlich stand er als Überraschungsgast auf der Kanzel und sang das Lied „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“. Das werde ich sicher nie vergessen. Bürgermeister Pascher hat natürlich gewusst, dass der Auftritt geplant war.

Ihre ersten Jahre als Stadtrat waren allerdings nicht nur wegen Hermann Prey turbulent. Bad Urach hatte damals  mit der Bäderkrise zu kämpfen. Gemeinderat und Bürgermeister standen deshalb sicher gewaltig unter Druck?

Das war eine ganz schwierige Zeit. Ich wurde wegen der Aquadrom-Insolvenz sogar angezeigt. Das war richtig heftig. Der Geschäftsführer wollte einfach immer weitermachen und nicht verstehen, dass das Aquadrom pleite ist. Beim Thermalbad war es dann ganz ähnlich. Ich habe mich im Gemeinderat  immer dafür eingesetzt, dass sich die Stadt in der Sache einklinkt. Das Thermalbad ist einfach essenziell wichtig für Bad Urach als Kurort. Hier einzugreifen, war meiner Meinung nach unumgänglich.

War es rückblickend richtig, das Aquadrom nicht zu kaufen?

Ich denke schon. Die Technik im Aquadrom war marode. Allein die Heizkessel sahen schlimm aus. Da hätte man richtig investieren müssen. Außerdem war allen im Gremium klar, dass die Stadt das Thermalbad nicht selbst betreiben wird. Ich denke, mit dem jetzigen Pächter haben wir eine gute Lösung gefunden.

An einer zweiten, großen Weichenstellung der vergangenen Jahre waren Sie ebenfalls maßgeblich beteiligt. Die Entwicklung der Nördlichen Innenstadt. Ein Thema, das Sie als Chef der früheren Brauerei Quenzer auch persönlich direkt betroffen hat.

Vor fast genau zehn Jahren, an meinem Geburtstag, hat der Gemeinderat über das entsprechende Konzept beraten. Aktiv Immobilien hat dann entschieden, es umzusetzen. Es hat sich aber gezeigt, dass das Unternehmen dafür Teile des Brauereigeländes benötigt. Es musste ja auch eine Erschließungsstraße gebaut werden. Die Brauerei war damals schon stillgelegt, es gab keine Möglichkeit mehr, den Betrieb am Standort Pfählerstraße weiterzuentwickeln. Mit unserem Quenzy Getränkehandel wären wir natürlich gerne in Bad Urach geblieben, das hat sich aber nicht realisieren lassen. Mit dem Standort Münsingen haben wir schließlich noch eine gute Lösung gefunden.

Im Gemeinderat war Ihr Rat nicht zuletzt beim Thema Tourismus gefragt. Ein Steckenpferd?

Ich bin gerne lange in der Natur, Radtouren sind dafür ideal. Mein Mountainbike habe ich inzwischen selbst zum E-Bike umgerüstet. Wenn man in Bad Urch radelt, muss man irgendwann zwangsläufig den Buckel hoch und richtig in die Pedale stehen.

Im Partnerschaftsverein mit dem ungarischen Enying sind Sie ebenfalls aktiv. Die Partnerschaft mit Leben zu füllen, ist wegen der großen Distanz aber nicht einfach. Lohnt es sich dennoch, sich dafür stark zu machen?

Wir sollten unbedingt daran festhalten. Gerade wegen der kritischen politischen Verhältnisse in Ungarn. Übrigens freue ich mich, wie gut sich der türkisch-islamische Verein in Bad Urach entwickelt hat. Die Imame, die in der Kurstadt arbeiten, vertreten alle einen modernen Islam. Ich denke, es ist einfach wichtig, dass wir uns gegenseitig anerkennen und gemeinsam etwas miteinander erleben.

Zurück zur Kommunalpolitik. Mitunter ging es im Bad Uracher Gemeinderat recht heftig zur Sache. Konnten die Wogen danach schnell wieder geglättet werden?

An der CDU-Fraktion haben wir uns schon gerieben. Damals gab es dort ja das Dreigestirn Steinhart, Stäbler, Hölz. Gerade mit Gerhart Steinhart war das Verhältnis mitunter emotional. Trotzdem haben wir uns zusammengerauft und konnten dann auch einiges gemeinsam auf die Beine stellen.

Welches Thema hat Sie in den vergangenen Jahren als Stadtrat am meisten geärgert?

Die Schulpolitik. Ich bin sehr froh, dass hier wieder Ruhe eingekehrt ist und in Bad Urach alles in geregelten Bahnen verläuft. Mit meiner Fraktionskollegien Uthe Scheckel haben wir zum Glück auch eine Fachfrau in der Fraktion.

Wird Ihnen die Arbeit im Gemeinderat fehlen?

Ja. Sich grundsätzlich mit den unterschiedlichsten Dingen zu beschäftigen, ist wahnsinnig interessant. So viele verschiedene Aufgaben findet man selten. Das müsste eigentlich jeder Bürger mal erleben, die Vielfalt der Aufgaben, die Verantwortung, das ist schon etwas Besonders. Dass wir jetzt mit Axel Steinhart einen jungen, kompetenten Nachfolger für mich gefunden haben, freut mich sehr.

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