Der Mann mit den verrückten Ideen

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  • Gerhard Schwenninger nimmt seinen Hut als Vorsitzender des Verschönerungsvereins Bad Urach. Auf diesem Bild grüßt er von der Himmelsleiter, die vom Bad Uracher Bahnhof zum Haus auf der Alb führt. Die Leiter stand am Anfang der erfolgreichen Vereinsgeschichte. 1/2
    Gerhard Schwenninger nimmt seinen Hut als Vorsitzender des Verschönerungsvereins Bad Urach. Auf diesem Bild grüßt er von der Himmelsleiter, die vom Bad Uracher Bahnhof zum Haus auf der Alb führt. Die Leiter stand am Anfang der erfolgreichen Vereinsgeschichte. Foto: 
  • Bad Urach Wetterfahne Michelkappel mit Hohenurach  2/2
    Bad Urach Wetterfahne Michelkappel mit Hohenurach Foto: 
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Schwenninger, Verschönerungsverein, zwei Worte, die seit 14 Jahren so fest zusammengehören wie Bad und Urach oder Wasserfall und Hochwiese. Doch damit ist es bald vorbei. Gerhard Schwenninger will sein Amt als Erster Vorsitzender im kommenden Jahr abgeben. Im Verein laufe alles rund, sagt er. Alle Ämter seien bestens besetzt, erst im vergangenen Jahr sind zwei neue Schaffer zum Bautrupp gestoßen. Zeit für einen Blick zurück auf Tage, in denen die Bundeswehr im Auftrag des Verschönerungsvereins eimerweise Schotter schleppte oder ein Hubschrauber dabei half, das Michelskäppele zu bauen.

Herr Schwenninger, das neue Jahr hat für den Verschönerungsverein nicht gut begonnen. Rowdys haben am Michelskäppele gewütet und dabei viel von dem zerstört, was der Verein mühsam aufgebaut hat. Wie sieht es dort inzwischen aus?

Gerhard Schwenninger Der Schaden ist zum Großteil repariert. Uwe Hihn, ein Uracher Bürger, Schreiner und Zimmermann, hat das einfach in die Hand genommen, was uns natürlich riesig freut. Er wollte mir allerdings nicht verraten, wie oft er den steilen Weg am Hochberg rauf und runter gelaufen ist, bis er fertig war. Da werden einige Kilometer zusammengekommen sein. Nun ist es an unserem Bautrupp, das Holz neu zu streichen. Außerdem müssen wir den herumliegenden Müll einsammeln. Dazu  krabbeln wir auch den Hang hinunter, wie so oft auf unseren Baustellen rund um Urach.

Was um alles in der Welt bringt einen dazu, unentgeltlich den Müll anderer Leute einzusammeln und kostenlos zu reparieren, was andere kaputtgeschlagen haben?

Das muss von Innen heraus kommen, und es muss einem Spaß machen. Trotz allem Ärger, trotz aller Unbilden, die wir bei unserer Arbeit draußen regelmäßig erleben, läuft keiner von uns einfach weiter, ohne aufgeräumt zu haben. Das kann einfach keiner mit ansehen.

Begonnen hat die Geschichte des Verschönerungsvereins mit der Himmelsleiter, die vom Bahnhof zum Haus auf der Alb führt. Warum gerade dieses Projekt?

Ich habe schon immer nach historischen Zusammenhängen gesucht und war viel auf geschichtlichen Spuren in Bad Urach unterwegs. Als ich dann im Ruhestand war, bin ich mit meinem Hund Nicki immer viel auf der Hann spazieren gegangen. Dabei habe ich mich an die Himmelsleiter erinnert. Um Spuren davon zu finden, bin ich durchs Dickicht gekrochen, zeitweise habe ich dabei nicht einmal mehr meinen Hund gesehen, so verbuscht war da alles. Irgendwann ist es mir gelungen, mit meinem Spazierstock eine Treppenstufe freizukratzen. Mir war damals schnell klar, dass ich die ganze Himmelsleiter niemals alleine freilegen kann. Also habe ich eine Zeitungsanzeige aufgegeben, um Mitstreiter zu suchen.

Und? Hat sich jemand gemeldet?

Ein einziger. Willy Teufel hieß er, heute ein enger Freund. Er fragte nach, ob er mitschaffen dürfe. Natürlich durfte er. Willy ist ein richtiger Wuhler. Er kam dann gleich mit der Motorsäge auf die Baustelle. Viele, mit denen wir damals gesprochen haben, schüttelten bloß den Kopf als sie von unserem Vorhaben erfuhren. Ihr spinnt, haben sie gesagt. Das funktioniert doch nie.

Hat es aber. Sogar die Bundeswehr packte mit an. Wie kam es denn dazu?

Ja, das hat Bürgermeister Markus Hase organisiert. Bad Urach hatte früher eine Patenschaft mit dem Panzerartilleriebataillon 285 aus Münsingen. Eines schönen Tages, wir waren mittlerweile zu viert, stand ein gewisser Feldwebel Aichele vor mir. Melde mich auf der Baustelle Schwenninger, hat er gesagt. Etwa 20 Soldaten hatte er dabei, die Jungs sind gelaufen und gelaufen. Sie haben den Schotter, der nötig war, um die Treppenstufen aufzufüllen, eimerweise den Berg hochgeschleppt. Dr. Hug, der das Haus auf der Alb leitet, stand kopfschüttelnd dabei. Herr Schweninger, hat er zu mir gesagt, Herr Schwenninger, was Sie alles anstellen. Die Idee für diese Eimerkette hatte ich übrigens nachts um drei.

Wie viele Arbeitsstunden stecken in der Himmelsleiter?

Weit mehr als 600, dazu kommen 15 Tonnen Schotter, die wir verbraucht haben, 320 Eichenpfosten und 160 Eichenstufen. Vielleicht sollte man wissen, dass der Hang eine Steigung von 33 Prozent aufweist.

Die Verschönerungsverein hat seit seiner Gründung 2003 etliche Projekte angepackt. An welchem hängt Ihr Herz besonders?

Auf jedem Fall am Michelskäppele. Als der Hubschrauber seinerzeit das Dach für den Neubau hochgeschleppt hat. Das war einfach fantastisch. Am aufwendigsten und mühevollsten war es, die Sprungschanze hinter der Zittelstatt wieder freizulegen. Wenn man das Gelände im Winter von der Ulmer Steige aus sieht, steigt bei vielen die Erinnerung an alte Zeiten wieder hoch. Dann rufen mich gestandene Männer an, die ganz gerührt davon erzählen, wie sie als kleine Buben bei den großen Turnieren in Urach dabei waren. 1960 war ja Georg Thoma in Urach und hat damals den Schanzenrekord von 74 Metern eingestellt. Zwei Wochen später wurde er in Squaw Valley Olympiasieger. Eine solch historische Stätte mussten wir einfach erhalten.

Wie schwierig war es, die Behörden von Ihren, mitunter gewagt klingenden Vorhaben zu überzeugen?

Ich bin hartnäckig. Das ist mein Erfolgsrezept. Meine Aufgabe im Verein war es immer wieder, verrückte Ideen auszubrüten. Dazu kam natürlich eine ordentliche Portion Glück, manchmal half der Zufall. Hin und wieder kam auch Kritik, verbale Tritte gegen das Schienbein. Mittlerweile prallt das aber weitgehend an mir ab.

Lob gab es aber hoffentlich auch?

Doch, doch. Bürgermeister aus anderen Städten melden sich immer wieder bei mir, weil sie gerne einen Verschönerungsverein in ihren Kommunen hätten. Unsere ehrenamtliche Arbeit hat in Bad Urach einfach viele positive Spuren hinterlassen, wie etwa der Eugenbrunnen. Heute ist er wieder zu finden, vor ein paar Jahren hat kein Schwein mehr gewusst, wo er ist.

Wie sind Sie denn auf dieses Projekt gestoßen?

Meine Mutter hat immer behauptet, am Tiergartenberg war früher mal ein Brunnen. Ich habe dann angefangen, in dem Eck rumzukruschteln. An einem kalten Februartag bin ich schließlich auf den Brunnenrand gestoßen. Willy Teufel und ich haben Stück für Stück alles ausgegraben. Meiner Mutter konnte ich dann sagen: Du hast Recht gehabt.

Vermutlich sind Sie schon auf der Suche nach einem Nachfolger?

Die Augen halten wir natürlich offen. Konkretes gibt es jedoch noch nicht. Angst vor dem Amt muss aber keiner haben. Der Verein ist gut aufgestellt, das Fundament solide. Und schließlich wächst man ja auch mit seinen Aufgaben. Deshalb gilt, nur Mut.

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