Das Erinnern an die Machtergreifung

80 Jahre Machtergreifung, 45 Minuten des Innehaltens und Nachdenkens: Neun Schüler des Graf-Eberhard-Gymnasiums haben gemeinsam mit Lehrern eine szenische Lesung mit lokalen Bezügen gestaltet.

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Gymnasisaten wagen sich an ein schweres Thema. Foto: Kirsten Oechsner

Bücherverbrennung, Fackelzüge, Gleichschaltung und die Errichtung der ersten Vernichtungslager, unter anderem auch auf der Schwäbischen Alb: Das Jahr 1933 markierte einen gewaltigen Einschnitt in die deutsche Geschichte - am 30. Januar des Jahres wurde Adolf Hitler als Reichskanzler vereidigt, am 23. März beschloss der Reichstag das sogenannte Ermächtigungsgesetz. Entscheidungen und Begebenheiten in der fernen Hauptstadt Berlin mit Auswirkungen bis ins beschauliche Urach, dargestellt in einer szenischen Lesung von Schülern der zehnten Klassen des Graf-Eberhard-Gymnasiums (GEG): "Wir wollten die lokale Entwicklung verdeutlichen und wie die Menschen hier davon betroffen waren", erklärt Michael Jaesrich, der gemeinsam mit seinen Lehrerkollegen Susanne Müller, Wolfgang Scherer und Matthias Eicks die Jugendlichen betreut hat, die Intension des Abends.

Und so treffen Zitate von Erich Kästner, der bei der Verbrennung seiner Bücher in Berlin Augenzeuge dieser "theatralischen Frechheit" war, auf den Zeitungsartikel aus dem "Ermstalboten" über die Aktion in Urach: 710 Bücher wurden von Oberamtmann Kreeb beschlagnahmt. Dem Bericht des 1906 in Urach geborenen Eugen Lotterer - das aktive Mitglied der Arbeitersportbewegung wurde festgenommen und kam ins Vernichtungslager Kuhberg bei Ulm - stehen Tagebucheintragungen von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels gegenüber: Er fühle sich angesichts der Begeisterung der Massen wie im Märchen. Berthold Brecht, Oskar Maria Graf und auch Klaus Mann stehen für die kritische Auseinandersetzung der Intellektuellen, eine Mutter (Corinna Rubitzko) im Anspiel des Schüler-Ensembles für die gerade zu Beginn der Naziherrschaft vorhandene Skepsis der einfachen Bevölkerung: "Die Nazis werden den Schäferlauf sicher wieder für sich nützen", meint sie im Familienkreis. Der Vater (Marco Kutscher) teilt die Bedenken nicht: "Verdirb uns nicht den Spaß", meint er und gibt den Töchtern (Alicia Beck und Christina Holder) die Erlaubnis, dem Bund Deutscher Mädchen beizutreten und damit einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung nachzugehen. Kommentar der Ehefrau: "Das ist ein völliger Schwachsinn."

Es ist die Einfachheit der Inszenierung und die Reduktion aufs Wesentliche, das die rund 60 Zuschauer nachhaltig betroffen machte - da die gespielten Familienszenen, dort die in schwarz gekleideten Vorleser (Sarah Pattas, Pauline Rostan, Joanne Kehr, Fabian Buck und Frauke Unverzagt) der Texte.

Und es ist auch der mit Bedacht gewählte Veranstaltungsort, der große Sitzungssaal des Rathauses als Ort der kommunalen Demokratie. Den Wert der heutigen, selbstbewussten Demokratie ins Bewusstsein zu rücken war neben der Erinnerung ein Anliegen der szenischen Lesung. Angeregt hatte sie die Volkshochschule Bad Urach: "Ich habe bei der Fachschaft Geschichte nachgefragt, ob sie etwas machen könnten", berichtet dessen Leiter Dieter Reichhold und freut sich über die positive Resonanz. In knapp drei Wochen haben die neun Schüler und die Lehrer das Programm "Urach ergriffen?" außerhalb des Unterrichts erarbeitet, unter anderem basierend auf den kürzlich erschienenen Band "Urach in der Zeit des Nationalsozialismus" des Arbeitskreises Stadtgeschichte: "Sie haben viele Nachmittage dafür investiert", meint Lehrer Jaesrich. Es hat sich gelohnt, wie der lang anhaltende Applaus bestätigte.

Dem Publikum und vor allem den Akteuren wird dieser Teil der Geschichte auch Dank der szenischen Lesung sicher nachhaltig im Gedächtnis bleiben: "Gestern hat eine bessere Zukunft begonnen", kommentierte der Vater die Machtergreifung. 80 Jahre später weiß man, dass es nicht so war.

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