Bei Stress haben Viren leichtes Spiel

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    Der Mediziner Dr. Ulrich Gaenslen sieht sich in seiner Metzinger Gemeinschaftspraxis mit vielen Grippekranken konfrontiert. Sein Tipp fürs Immunsystem: heißes Wasser mit Zitrone.   Foto: 
  • Schnupfen und Husten haben dieser Tage Hochkonjunktur in der Region: Die Grippewelle rollt, mancher Kranke muss wochenlang das Bett hüten. 2/2
    Schnupfen und Husten haben dieser Tage Hochkonjunktur in der Region: Die Grippewelle rollt, mancher Kranke muss wochenlang das Bett hüten. Foto: 
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Die Glieder schmerzen, der Husten sticht auf den Bronchien und  im Kopf hämmert es wie aus der Bassanlage einer Großraumdisco. Die Grippe plagt derzeit viele Menschen in der Region. Bis zur Genesung kann es dauern – die Müdigkeit hält oft über Wochen an. Dr. Ulrich Gaenslen erklärt, wie wir vorbeugen können und im Ernstfall schneller gesund werden.

Herr Dr. Gaenslen, viele Menschen schlagen sich mit schweren Atemwegsinfekten herum. Woher weiß ich, ob ich an einer Erkältung oder an einer Grippe laboriere?

Dr. Ulrich Gaenslen: Die Influenza, oder Grippe, beginnt in aller Regel  plötzlich mit deutlichem Krankheitsgefühl, Kopf- und Muskelschmerzen, meist hohem Fieber, Schwäche, Schweißausbrüchen, selten auch Übelkeit und Durchfall. Im Gegensatz dazu kommen Erkältungen schleichend. Oft sind Schnupfen und Halsweh erste Symptome. Hohes Fieber gehört eher nicht dazu.

Gibt es Alarmzeichen: Wann sollten Patienten sofort den Arzt oder das Krankenhaus  aufsuchen?

Dr. Gaenslen: Das kommt auch auf den allgemeinen Gesundheitszustand an. Besonders gefährdet sind ältere Menschen und Patienten  mit Begleiterkrankungen, wie chronischen Lungenleiden, Diabetes mellitus, Immundefekten und  chronischen Herzkrankheiten. Sie müssen bei einer Grippeinfektion engmaschig beobachtet werden und bei Verschlechterung des Allgemeinbefindens den Arzt aufsuchen. Auch bei Symptomen wie nicht beherrschbarem Fieber,  Atemnot und Schläfrigkeit ist auf jeden Fall ein Arztbesuch nötig. Die ersten drei Tage sind die kritischen.

Wie können sich Familienmitglieder, Kollegen, überhaupt noch Gesunde, vor einer Ansteckung schützen?

Die Grippeimpfung bietet einen gewissen Schutz im Vorfeld. Sonst den direkten Kontakt mit Kranken einschränken. Sich nicht Anhusten lassen, sorgfältig Hände waschen, Stoßlüften in Büros und Krankenzimmern. Im Detail ist das schwierig, aber alles, was hilft, die übertragbare Virusmenge zu reduzieren, ist erlaubt. Eine Verantwortung liegt auch beim Kranken. Stichworte: Papiertaschentücher, nicht in die Hand husten, Hände desinfizieren.

Fasching steht an. Würden Sie davon abraten, Umzüge und Feiern mit vielen Menschen auf engem Raum zu besuchen? Angeblich verleihen ja solche Massenveranstaltungen der Grippewelle neuen Schwung.

In der Tat melden die Statistiken des Robert-Koch-Instituts für die letzten Jahre einen Ausschlag der Grippefälle in der Woche um Fasching. Hier gilt, wer sich krank fühlt, sollte im Zweifel solche Veranstaltungen meiden, um andere nicht anzustecken. Aus meiner Zeit als Oberarzt in Ravensburg sind mir die Fasnetszeiten in der Notaufnahme  bekannt. Meist stand jedoch ein nicht ansteckendes, anderes Krankheitsbild der eingelieferten Patienten im Vordergrund …..

Würden Sie generell zu einer Grippe-Impfung raten? Und ist das jetzt für dieses Saison noch möglich?

Die „Ständige Impfkommission“ empfiehlt Menschen über 60 Jahren, Schwangeren ab dem vierten Monat, Menschen mit chronischen Erkrankungen, Personen mit beruflichem Risiko und viel Publikumsverkehr (Lehrer,Erzieher,medizinisches Personal) Altenheimbewohner und Menschen mit Kontakt zu Geflügel und Wildvögeln eine saisonale Grippeimpfung. Dem kann ich mich anschließen. Auch jetzt macht es noch Sinn, sich zu impfen, besonders, wenn man Faschingsveranstaltungen besucht.

Was die Impfungen angeht, gehen ja die Meinungen auseinander. Kritiker sprechen immer wieder von starken Nebenwirkungen der Impfstoffe, etwa schmerzenden Armen oder Bettlägrigkeit über mehrere Tage..

Jedes Immunsystem ist anders. Ich persönlich reagierte auf den diesjährigen Impfstoff mit einer leichten grippalen Reaktion. Manche Patienten klagen über eine Impfreaktion am Arm. Manche fühlen sich wirklich grippekrank. Hier ist abzuwägen, Erfahrungen aus der Vergangenheit und der Rat des Arztes helfen, die richtige Entscheidung zu treffen. Wichtig ist, dass der Patient während der Impfung unter keiner Infektion leidet.

Apropos Bettlägrigkeit. Viele Patienten beklagen, dass sie nach den Infekten nur schwer wieder auf die Beine kommen.  Haben Sie Tipps, wie man den Alltag nach einer Erkrankung besser bewältigen kann?

Täglich frische Luft, wenn möglich. Zudem das Krankenzimmer durchlüften, das Bett frisch beziehen. Ausreichend Schlaf, Trinken und Essen. Wieder einen geregelten Tagesablauf aufnehmen. In unserer Praxis gibt es die sogenannte Vitaminbombe für die angeschlagenen Mitarbeiterinnen: ein heißer Wasseraufguß mit einer frisch gepressten Zitrone und einem Löffel Honig.

Viele Patienten verspüren  länger anhaltende Müdigkeit, manche danach noch tagelang Übelkeit...

Das Virus kann prinzipiell alle Schleimhäute befallen, so auch die Darmschleimhäute. Glücklicherweise zeigen diese Symptome eher das Ende der Erkrankung an und sind nicht ganz so häufig. In diesem Kranheitsstadium sollte auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr geachtet werden.

Wie kann man eine Lungenentzündung vermeiden?

Kranke sollten trotz Schwäche zumindest zu den Mahlzeiten  aufstehen und eventuell am offenen Fenster mehrmals tief durchatmen. Bei starkem Krankheitsgefühl und einer Verschlechterung des Krankheitsverlaufs oder bei einem Rückfall nicht zu lange warten und einen Arzt konsultieren. Es könnte sich eine Lungenentzündung gebildet haben. Prophylaktische Allgemeinratschläge: Rauchstopp, Grippeimpfung und Pneumokokken­impfung im Vorfeld sind Vorbeugemaßnahmen.

Helfen Hausmittel, Grippe und Erkältungen vorzubeugen?

Die oben erwähnte Vitaminbombe ist mein persönlicher Favorit. Empfehlenswert ist auch heißer Holundersaft mit Honig. Die Flüssigkeit ist wichtig für eine ausreichende Befeuchtung der Schleimhäute, sodass die Erreger nicht direkten Kontakt zur Schleimhaut haben und nicht sofort eindringen können. Es gibt keine Studienlage für Hausmittel, jedoch scheinen mir diese persönlichen Hausmittel, die jede Familie so kennt, wichtig.

Stärken Saunagänge und regelmäßiger Sport das Immunsystem?

In der Erkältungs/Grippephase sollte eine Sportpause eingehalten werden. Als Vorbeugung gilt Sport als Verbesserer der Abwehrkräfte. Der Saunabesuch kann auch vorbeugen. Thermoregulation und Schleimhautdurchblutung verbessern sich. Stress macht hingegen infektanfällig.

Können Symptome einer Grippe und Erkältung auch chronisch werden?

In aller Regel heilt eine Influenza oder Erkältung folgenlos aus. Manchmal bleibt ein hartnäckiger Husten über Wochen bestehen. Hier müssen sich  die kleinen Flimmerhärchen der Bronchien erst wieder erholen. Die Zeit bis zur vollständigen Genesung kann quälend sein.  In aller Regel ist der Patient dann aber nicht mehr ansteckend. Wichtig in der Regenerationsphase ist eine richtige Dosierung von Arbeit, Schlaf und gesunder Ernährung (viel Vitamine und Spurenelemente) sowie Bewegung.

Die Grippe schlägt diesen Winter im Südwesten besonders zu. Als eine der Hochburgen gilt der Kreis Reutlingen. Seit Jahresbeginn wurden dem Kreisgesundheitsamt bis Anfang Februar bereits 230 Influenza-Fälle gemeldet. Im Vergleich mit anderen Landkreisen Baden-Württembergs liege Reutlingen im oberen Drittel, meldet die Behörde. Schwankungen der Influenzawellen werden beobachtet, doch diese Anzahl sei hoch. In den Kreiskliniken wurden zahlreiche Menschen mit Influenza stationär aufgenommen.

Landesweit übertreffen die Zahlen die Vorjahre.  Seit Anfang Oktober hat das  Landesgesundheitsamt mehr als 1730  Fälle gemeldet bekommen, im Vorjahr waren es nur 253. pm/lsw

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