Auf der Straße des Lebens

Mit Texten, die Anregung geben, in eine andere Richtung zu denken, so wanderten Interessierte mit Pfarrerin Petra Frey in der Trailfinger Schlucht. Denn: "Pilgern ist Beten mit den Füßen".

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Sieben Stationen gab es bei der Liturgischen Abendwanderung mit Pfarrerin Petra Frey (dritte von links) aus Metzingen. Foto: Angela Steidle

"Wir sind gleich oben auf der Alb, dann können wir uns wieder aufwärmen", erklärt Pfarrerin Petra Frey am Grillplatz am Ende der Trailfinger Schlucht. Ein paar Radler haben zur Andacht Halt gemacht und Freunde entdeckt. Ein Stück weiter streift ein Reiter durchs halbhohe Gras, der Hund vorneweg.

Zwei Spuren im grünen Korn, Holunderblütenduft in der Nase, Rietheim am Horizont und die letzten Sonnenstrahlen über der Alb. Seit gut einer Viertelstunde marschieren die 35 Teilnehmer an der Liturgischen Wanderung des Kirchenbezirks Bad Urach-Münsingen neben- und hintereinander weg. Es fällt nicht schwer zu schweigen und in sich zu gehen, bei all der Fülle, die ringsum den Atem verschlägt. Wenn die Gedanken nach innen gekehrt sind, sind die Schritte bedacht.

Pfarrerin Petra Frey von der Gesamtkirchengemeinde Metzingen hat eine ihrer Lieblingsstrecken gewählt: von der Ermsquelle die eng gewundene Passstraße hinauf und quer herüber zum Hofgut Uhenfels. Durch eine ständig wechselnde Natur im Bann von Rulaman, sattem Urwald, engen Felsklüften, kühlen Schatten und schräg einfallendem Abendlicht. Auf uralten Straßen und an Wegscheiden vorbei. Und das am Johannestag, kurz vor Sonnwend, ein Pfad wie gemacht fürs Leben. "Kaum ist der Tag am längsten, wächst wiederum die Nacht. Begegne unseren Ängsten mit deiner Liebe Macht", formuliert der zeitgenössische Lyriker, Pfarrer und Schriftsteller Professor Detlev Block. "Das Jahr lehrt Abschied nehmen - schon jetzt zur halben Zeit. Gib, eh der Sommer scheidet, der äußre Mensch vergeht, dass sich der innre läutert und zu dir aufersteht."

"Wenn die Tage wieder kürzer werden, stimmt mich das nachdenklich", erklärt die passionierte Wanderin Petra Frey im Gehen. "Das Jahr ist auf der Wende. Man muss immer wieder Abschied nehmen. Das erinnert an die eigene Sterblichkeit und daran, dass immer wieder etwas Neues auf uns zukommt. Abende, die man in dieser Art und Weise verbringt, ermöglichen, zu sich selbst zu kommen." Es macht tatsächlich einen Unterschied, mit anderen zu gehen, die die gleiche Intuition im Gepäck haben. Vom ersten Moment an - eine Teilnehmerin aus Bempflingen hatte eine Steige Kirschen mitgebracht - fiel der Kontakt leicht. "Pilgern ist Beten mit den Füßen", hatte der Arbeitskreis des evangelischen Kirchenbezirks in seiner Einladung zur liturgischen Abendwanderung geschrieben, "dafür muss man sich nicht auf den Weg zu einem Wallfahrtsort machen."

Die Wanderung ist auch ein Angebot der Familienbildungsarbeit Metzingen, in der Mitte des Jahres inne zu halten zur Besinnung unter dem Thema "nicht allein unterwegs". An sieben Wegstationen hatte Pfarrerin Frey Texte, Lieder und Gedanken parat. Etwa die Reminiszenz "Geh aus, mein Herz, und suche Freud", ein geistliches Sommerlied von Paul Gerhardt (1607-1676). Aus Psalm 23: "Und ob ich schon wanderte im finstern Tal ...". Martin Rinckart (1586-1649), deutscher Dichter, protestantischer Theologe und Kirchenmusiker in der Barockzeit "hätte sich diese Wirkweise wohl nicht erträumen lasse. Denn "Nun danket alle Gott" hat sich zu einem der beliebtesten Kirchenchoräle überhaupt entwickelt", erklärt Petra Frey. Rinckart hatte sich während des 30-jährigen Krieges vor allem den Armen gewidmet und sich um ihr tägliches Brot gesorgt. Der Choral war ursprünglich ein Dankeslied der Soldaten nach dem Essen.

"Bleibe bei uns am Abend des Tages, am Abend des Lebens, am Abend der Welt", beteten die Wanderer im Grün. "Ich denke, viele die heute dabei sind, drückt etwas", bemerkte eine Teilnehmerin, "beim letzten Mal ist so viel in mir hochgekommen ...".

Zitate aus einem Gebet von Klaus Nagorni für alle, die "auf den Straßen des Lebens" unterwegs sind: "... für die Hochmütigen und Arroganten, für die Trägen und am Leben Verdrossenen, für die Satten und Selbstzufriedenen, für die Zornigen und Rachsüchtigen, für die Lieblosen, Neidischen, die Geizigen und Habsüchtigen", um "den Tod in Leben zu verwandeln".

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