"Hunger zum Verrecken"

Vom langen Winter ausgemergelte Wildschweine suchen Streuobstwiesen heim und hinterlassen oftmals wüste Kraterlandschaften. Gütlesbesitzer hoffen auf Hilfe der Jäger. Die aber sind so gut wie machtlos.

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Die Streuobstwiese von Peter Walter könnte kaum idyllischer liegen. Im Maisental zwischen Viehstelle und Reithalle, etwas oberhalb, sodass er eine schöne Sicht hat auf die Stadt hier und das Brühltal dort. Was ihm aber dieser Tage ins Auge sticht, ist die nach umgepflügtem Acker aussehnde Wiese unter seinen Apfelbäumen. Zum zweiten Mal in diesem Winter hat ihn eine Rotte Wildschweine heimgesucht. Nicht nur ihn, wie ein Rundumblick von seinem Gütle verrät: Immer wieder wird das noch blasse Grün der Wiesen unterbrochen vom Braun des frisch aufgeworfenen Humus. An diesen Stellen haben Wildschweine mit ihren starken Schnauzen den Boden umgewühlt auf der Suche nach eiweißhaltigem Gewürm, Larven oder anderem Getier.

Der Stadt Bad Urach ist das Problem bekannt. Im Herbst und im Frühjahr zieht es die Wildschweine gerne ins Maisental. Jetzt, im ausgehenden Winter, vermögen die wenigen Sonnenstrahlen die Wiesen eher aufzutauen als den beschatteten Waldboden. Deswegen fühlen sich dort auch die ersten Larven und Würmer wohl, ein willkommenes Fressen für die ausgezehrten Wildsauen. So magere Wildschweine wie derzeit habe er noch nie gesehen, sagt ein Uracher Jäger, der den Winter über mehr davon geschossen hat denn je. 21waren es, er kann sich an Jahre erinnern, da blieben gerade mal drei Sauen auf der Strecke.

Was treibt die Wildschweine aus dem Wald aufs Feld? Es ist nicht der Appetit, es ist mehr: "Die haben Hunger zum Verrecken", weiß Norbert Reich aus Würtingen. Der Leiter des Hegerings Lichtenstein ist Jäger und amtlich bestellter Wildschadensschätzer. Zurzeit hat er viel zu tun. Nicht nur Gütlesbesitzer klagen, die Rotten fallen übers Grünland der Bauern her: "So ein Jahr hat es noch nie gegeben." Der Hunger der Schweine hat viele Gründe. Einer ist das Klima. Fast jedes Jahr hängen Eichen und Buchen voller Früchte. Die herabfallenden Eicheln und Buchecker sind ein gefundenes Fressen für die Rotten. Je reichhaltiger der Tisch gedeckt ist, desto zahlreicher ist die Nachkommenschaft der Wildschweine. Der vergangene Herbst war eine Ausnahme. Buchen- und Eichelmast fiel komplett aus. Die ohnehin große Population konnte sich vor dem Winter kein Fett anfressen. Wenn dann über einen langen Zeitraum Schnee liegt und der Boden gefroren ist, geht es den Tieren an die Substanz. Ein Jägerkollege Reichs stieß kürzlich auf einen Eber, den er auf 30 Kilo abgemagert schätzte. Das Tier hatte nicht mal mehr die Kraft davonzulaufen. Rehe können sich noch ganz gut anpassen, aber die Schweine leiden, auch Füchsen geht es im Moment dreckig, sagt Norbert Reich. Aber Füchse graben keine Wiesen um, Wildsauen schon. Wühlen ist für sie ein Urtrieb, dem sie deswegen folgen müssen, weil sie zur Verdauung tierisches Eiweiß benötigen. Würmer, Engerlinge, Schnecken. Und die finden sie jetzt unter der Grasnarbe der von der Sonne aufgetauten Wiesen.

Es gibt nur eine Möglichkeit, die von Schweinen verursachten Flurschäden zu vermeiden, sagt Reich: die Jagd. "So viel wie möglich schießen." Er empfiehlt "immer wieder und permanent" Drückjagden. Es bringt nichts, mal eine Sau zu erlegen.

Im Maisental haben die Jagdpächter seiner Meinung nach alles richtig gemacht. Hier gab es bereits einige Drückjagden. Genau so sollte es revierübergreifend auf der ganzen Alb geschehen. Zusätzlich müssen die Jäger regelmäßig in den Ansitz. Aber niemand dürfe vergessen, dass die meisten Jäger einen Beruf haben. Ein Mal die Woche nachts um zwei im Wald, das mag der Job tolerieren, "aber irgendwann lässt man dann die Flügel hängen", sagt Reich.

Außer den klimatischen Faktoren hat auch eine landwirtschaftliche Neuerung ab den 90er Jahren die Sauen-Population in die Höhe getrieben. Der Maisanbau schmeckt den Schwarzkitteln. "Seit damals geht die Kurve nach oben."

Einem Gütlesbesitzer wie Peter Walter mag das egal sein. Für ihn ist die Pflege seiner Streuobstwiese ein Hobby. "Man muss Idealist sein", um sich diese Mühe zu machen. "Und dann wird einem auch noch das Leben schwer gemacht." Ihn ärgert, dass sich der Begriff Streuobstparadies so behende im Vokabular der Politik etabliert hat. So ein Paradies kommt nicht von ungefähr, es hat mit Arbeit zu tun. Und wenn man sich umschaue, so Walter, "dann sieht man immer mehr kahle Flächen, wo einst Obstbäume standen." Das Interesse am Streuobstbau lasse nach, "und das hat auch damit zu tun", sagt er und zeigt auf sein umgewühltes Grundstück. Wenn er den Boden nicht wieder herrichtet, kann er künftig mit dem Mäher nicht mehr drüber. Mit einer Mistgabel muss er jedes kleine Rasenstück umdrehen und zurücklegen, in der Hoffnung, die Grasnarbe wächst wieder an. Zwei Tage wird er damit zu tun haben.

Schlimmer leiden Bauern, die demnächst silieren wollen, die also das frische Grün der Wiesen mähen, einen Tag liegen lassen und dann zusammengepresst aufbewahren. Wo eine Rotte Wildsauen drüberging, wächst in diesem Jahr kein Gras mehr. Dann hilft der Wiesenhobel, der von einem Traktor gezogen aus dem Hoppelacker wieder eine Wiese macht. Es gibt ein einziges solches Gerät im gesamten Landkreis. Ein Lohnunternehmer beseitigt damit für einen Stundenlohn von 70 Euro die Wildschweinschäden. Abgeerntet werden kann eine solche Fläche dennoch erst wieder im Jahr drauf.

Den Landwirten hilft in so einem Fall die Entschädigung weiter, die sie für eine zerstörte Wiese erhalten. "Aber ein Bauer will kein Geld, der will Futter für seine Kühe", sagt Norbert Reich. Zumal im Moment der Boden ohnehin zu nass ist. Derzeit kann man gar nichts reparieren, sagt er.

Übrigens können sich Besitzer von Streuobstwiesen nicht auf die Schadensersatzpflicht der Jäger berufen. Eine Gerichtsentscheidung nach der anderen fällt zuungunsten der Gütlesbesitzer aus. Vor etwa drei Jahren hat das Amtsgericht Schorndorf den Anfang gemacht, danach folgten die in Hechingen und Balingen, inzwischen, so Reich, gibt es annähernd 20 Urteile.

Aber das hilft ja keinem weiter, denn es geht nicht um die Interessen der Jäger hier und um die der Flächenbesitzer dort. "Das müssen wir alle gemeinsam schaffen."

So sieht es auch Peter Walter. Er fordert ein Konzept und vor allem eine Art runden Tisch. Mit der Stadt, der Kreisjägervereinigung, dem staatlichen Forstamt und den Wiesenbesitzern: "Sonst wird es das Streuobstparadies nicht mehr lange geben."

Übrigens erarbeitet die Landesregierung derzeit ein neues Landesjagdgesetz. Das soll angeblich die Jäger für Schäden in Streuobstwiesen schadensersatzpflichtig machen. Sollte es so kommen, wäre laut Norbert Reich die Quintessenz für alle Beteiligten (außer Jagdgegnern) wenig erfreulich: Dann gäbe es keine Jäger mehr.

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