Schneider sind auch Leute
Bad Urach. Vier Jungs, auch Buben genannt. Alle mit Bart, Hellebarde und Federschmuck an der Haube. Sie gehören zum französischen Blatt. Bei den "Skat Sport Freunden" sind sie seit 25 Jahren stets willkommen.
Es war eine liebe Zeit. Das Bier war zwar nicht durchweg dunkel, aber es gab immerhin noch zwei alteingesessene Brauereien in der Stadt. Und weil eine jede ihr eigenes Profil zu schärfen suchte, tat es die eine der anderen gleich und unterstützte eine Schar von Männern und Frauen, die ihrem Hobby vornehmlich in einer Gaststube nachkamen: dem Skat. So gab es also zwei Skat-Clubs, der eine nannte sich Olpp, der andere Quenzer. Dass es irgendwann mal an Nachwuchs mangeln könnte, war zu jener Zeit fast undenkbar.
Aus dem Quenzer-Club sind dann vor einem Viertel Jahrhundert die "Skat Sport Freunde" hervorgegangen, die sich heute noch drei Mal wöchentlich treffen. Montags in einem Nebenraum in der Festhalle, dienstags und freitags im "Falken". Früher waren sie im "Graf Moltke", aber das hat seit etwa zwei Jahren zu. Jetzt feiern sie Jubiläum, denn am 1. September 1985 haben sie ihren Verein gegründet, also vor ziemlich exakt 25 Jahren.
Vielleicht sind Skat-Spieler ein besonderer Menschenschlag. Einiges deutet darauf hin. Etwa die Art der Kommunikation während des Spiels. Einer reizt, donnert also eine Folge von Zahlen in die Runde, ein anderer hört zu und sagt fortwährend "ja", bis schließlich er oder der andere mit dem Kommando "weg" dem dritten Mitspieler die Rolle überträgt, das Reizen in die Höhe zu treiben. In einer ähnlichen Diktion dringt beispielsweise der Dettinger Edmund Ebermann in seine Gesprächspartner: "Spielen Sie Skat?" Und wenn die Antwort länger auf sich warten lässt wie das obligatorische "Ja" auf die Zahlen 18, 20, zwo, drei, dann fordert der Ehrenvorsitzende der "Skat Sport Freunde" Ebermann: "Raus mit der Sprache."
So ist das mit den Skatspielern. Fragt man sie, ob sie sich während des Spiels unterhalten, erscheint ihnen dies absurd. Dazu sei keine Zeit. Gute Skatspieler müssen sich konzentrieren. Skat, sagt beispielsweise der zweite Vorsitzende der "Skat Sport Freunde", Otmar Grabenwarter aus Grabenstetten, "Skat ist Konzentrationssache und Denksport." Weil man sich nämlich merken muss, welche Karten bereits ausgespielt wurden. Er zählt sogar die Stiche des Gegners mit, respektive addiert deren Zahlenwert, was sogar Hildegard Clauss, auch nach 25 Jahren noch, verwundert. "Tatsächlich?" Sie tue das nämlich nicht.
Wenn sie dann spielen, hört sich deren Schweigen ganz unterhaltsam an: "Ah, eine Blankspielerin", "quatsch, ich hab das Karo-As gespielt", "was ist Trumpf?", "schmeiß ich weg", "kein Pik mehr, aha", "das ist für mich", "auf jeden Fall verloren", "Schneider sind auch Leute", "nee, war kein Schneider", "ohne drei, Spiel vier, mal Pik, verloren 88". Allein wegen solcher nebeneinander herlaufen Monologe galten Skatspiele früher in bierseligen Kneipen als wahre Zuschauermagnete. Die Kiebitze lehnten sich über die Schultern der Spieler und wussten hinterher ganz genau, was wer in welcher Situation hätte besser ausspielen sollen. Ganz selten mal bekommt man Karten in die Hand, mit denen man nichts falsch machen kann. Vier Buben, alle Asse, dann noch drei Zehner, die es freilich gar nicht mehr braucht, denn einen Grand Ouvert Hand gewinnt damit auch ein Anfänger. Nur ist das Blatt fast so selten wie ein höherwertiger Lottogewinn, sagt der Vorsitzende der "Skat Sport Freunde", Heinrich Müller. "Ich hatte mal einen", triumphiert Hildegard Clauss und weiß sogar noch ganz genau das Datum, fast so wie ihr Geburtstag: "12. September beim Ligaspieltag." Ach, Skat kann ein schönes Spiel sein, wenn man keine Mitspieler hat, die einen andauernd anschreien und vehement "Karten oder ein Stück Holz" einfordern, sobald man länger als zehn Sekunden überlegt. Als Hildegard Clauss jener Glückstreffer geglückt ist, hat sie die Karten zusammengesteckt, sich das Blatt von den Mitspielern signieren lassen und alles als Dokument an den Spielkartenhersteller geschickt. So sei das üblich, wissen Skatspieler. Daraufhin erhielt sie von dem Unternehmen eine Urkunde.
Sie sind zu zehnt, manchmal kommen auch 15 zu den Spielabenden. Insgesamt sind sie 27 Mitglieder. Viel mehr waren sie auch vor 25 Jahren nicht, als Helmut Ebermann, der damalige Wirt des "Bräustübles" in Urach den Verein gründete. Aber es gab einen Unterschied. Damals waren Jugendliche dabei. Etwa Ulrike Wittek, die 1988 deutsche Vize-Jugendmeisterin wurde. Es waren goldene Zeiten für den Verein. 1989 kam der Aufstieg in die Bundesliga, das Team ist im selben Jahr bei der Weltmeisterschaft in Villach angetreten, bei fünf Europameisterschaften waren die "Skat Sport Freunde" dabei. Heute, da jedes zweite Vereinsmitglied Rentner ist, treten die beiden aktiven Mannschaften in der Verbandsliga und in der Landesliga an. Das ist auch nicht schlecht, aber ohne ganz junge Mitstreiter ist ein Ende des Skatsports absehbar. Dabei hat sich viel getan während der vergangenen Jahre. Die rauchgeschwängerten Spielstätten gibts nicht mehr, obwohl 60 bis 70 Prozent der Skatklopfer Raucher sind, wie Otmar Grabenwarter hochrechnet. Die Raucher gehen inzwischen zum Qualmen vor die Tür. Weniger kompromissbereit sind Skatspieler, wenn es um die Karten geht. Nach einem Abend landen die im Mülleimer. Und wenn ein Spieler das Gefühl hat, das Glück sei ihm abhold, fordert er schnell vehement einen Stapel neuer Karten. Sollten die noch fast taufrisch sein, weiß er sich zu helfen und knickt in eine Karte ein Eselsohr. Dann gibts neue, und das Glück im Spiel sucht sich vielleicht einen neuen Adressaten.
Zum Jubiläum gibts auch einen Jubiläumspreisskat. Beim früheren Wirt des "Graf Moltke", der inzwischen in Altdorf aufgeschlagen hat. Da gibt es immerhin 250 Euro zu gewinnen. Früher gab es das oft. Aber Preisskat ist inzwischen fast so selten wie die eigene Brauerei im Ort.
Info Am Freitag, 3. September, findet im Gasthaus "Falken" ein Preisskat statt. Beginn 19 Uhr. Wer sich den "Skat Sport Freunden" anschließen möchte, kann sich informieren unter Telefon: (0 71 25)7531 oder per E-Mail: hildegardclauss@aol.com.
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Autor: PETER KIEDAISCH | 02.09.2010
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Hildegard Clauss, Edmund Ebermann, Heinrich Müller und Otmar Grabenwarter (von links) lassen sich, zumindest von ihren Mitspielern, nur ungern in die Karten schauen. Foto: Peter Kiedaisch
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