Naturschützer üben Kritik

Erneut ist die Wittlinger Steige gesperrt, weil Steinbrocken auf die Straße fallen könnten. Der Kreis lässt deshalb Teile eines Felsens abtragen. Bei Naturschutzverbänden hat das Kritik ausgelöst.

REGINE LOTTERER ... |

Einmal mehr steht der Landkreis wegen seiner Politik in Sachen Wittlinger Steige in der Kritik der Naturschutzverbände. Derzeit lässt die Behörde eine Felsnadel beseitigen, die auf höchst unsicherem Fundament oberhalb der Fahrbahn thront. Es bestehe die Gefahr, heißt es aus dem Landratsamt, dass die Felsnadel ganz oder in Teilen abbricht und auf die Fahrbahn kracht. Eine Einschätzung, die das Geologische Landesamt Freiburg in einem Gutachten bestätigt, wie die Behörde betont. Deshalb sei entschieden worden, den betroffenen Fels zu beseitigen.

Dieses Vorgehen hat der Behörde nun Kritik der im Kreis Reutlingen aktiven Untergliederungen des BUND und des Landesnaturschutzverbandes (LVN) eingetragen. In einer Pressemitteilung sprechen sie von "radikaler Verkehrssicherung". Dabei hätten sowohl der Bund für Umwelt und Naturschutz als auch der LVN frühzeitig für felsschonende Methoden plädiert, etwa für einen Fangzaun, der herabstürzende Steinbrocken auffängt. Auf diese Weise, so argumentieren die Naturschützer, wäre es möglich gewesen, den 15 Meter hohen, markanten Fels zu erhalten. Immerhin diene dieser zwei streng geschützten Fledermausarten als Winterquartier. Außerdem gedeihe dort ein europaweit prioritär geschützter Kalkpionierrasen. "Aus Sicht des Naturschutzes verstößt die Sprengung damit gegen europäisches Naturschutzrecht", heißt es in der Pressemitteilung.

Die naturverträgliche Alternativen in Sachen Fels habe das Straßenbauamt aus Kostengründen abgelehnt, da das notwendige Geld nicht im Kreishaushalt eingestellt worden sei. Eine vorausschauende Finanzplanung hätte diesem Dilemma vorgebeugt, sagen die Naturschützer, schließlich sei die Instabilität des Felsens bereits seit Herbst vergangenen Jahres bekannt.

Nun müsse das Straßenbauamt als Ausgleich zwar ein bereits vorhandenes Fledermausquartier aufwerten, den Tieren am betroffenen Fels nütze das allerdings nichts. Die Naturschützer bezweifeln außerdem, dass sich der Kalkpionierrasen als "sensibler Lebensraum" überhaupt umsiedeln lässt. Immerhin, sagt Rainer Blum vom BUND-Kreisverband Reutlingen, seien die Naturschützer, wenn auch kurzfristig, in die Planungen einbezogen worden.

Die kurze Reaktionszeit, sagt das Landratsamt, habe einen einfachen Grund: Erst Anfang Oktober hätten der Behörde die Erkenntnisse eines Fachbüros vorgelegen, das den Natur- und Artenschutz rund um den betroffenen Fels während des gesamten Jahres untersuchte. Ohne diese Erkenntnisse sei es unmöglich gewesen, die weiteren Schritte für die Verkehrssicherheit sowie für den Schutz von Flora und Fauna zu planen.

Der Kreis habe den Bau eines Steinschlagschutzzauns zwar erwogen, heißt es aus der Behörde, wegen der anstehenden Frostperiode habe dieser allerdings nicht mehr gebaut werden können. Sobald die Temperatur unter Null Grad Celsius sinke oder heftiger Regen niedergehe, schreibt das Landratsamt, entstehe am Fels "ein unkalkulierbares Risiko". Aus diesem Grund hätte die Wittlinger Steige vom ersten Frost bis ins kommende Frühjahr hinein gesperrt werden müssen, wenn versucht worden wäre, den Felsen zu erhalten. Ein Aspekt, schreibt die Behörde, den es zu würdigen gelte, immerhin geht es auch darum, dass der Rettungsdienst bei einem Notfall auf schnellstem Weg nach Wittlingen gelangt.

Wenn die Gefahr bestehe, dass Felsen den Verkehr gefährden, müsse schnell gehandelt werden, betont das Landratsamt. Um Ausgleichsmaßnahmen für den Eingriff in die Natur zu veranlassen, sei hingegen ein längerer Vorlauf nötig. Um diesem Problem zu begegnen, habe der Landkreis jene Felsformationen in den Blick genommen, die für den Verkehr problematisch werden könnten. Alle dort lebenden Tiere und Pflanzen seien inzwischen erfasst. Gemeinsam mit der Biosphärengebietsverwaltung werde nun im Rahmen eines Pilotprojekts ein Natur- und Artenschutzkonzept für diesen gesamten Bereich angestrebt. Damit sei es zukünftig möglich, auch kurzfristig auf Schwierigkeiten zu reagieren.

Der Ausgleich für die betroffenen Fledermäuse sei dem Landratsamt von einem Gutachter sowie einem Fledermausexperten empfohlen worden. Diese Maßnahme werde ebenso kontinuierlich überprüft wie die Umsiedlung des Kalkpionierrasens.

Derweil gehen die seit drei Wochen andauernden Arbeiten an der B 465, zwischen dem Ende der Georgii-Siedlung und der Abzweigung zur Wittlinger Steige, voran. Der Hang wurde im unteren Bereich vom Grün freigeschnitten. Am Donnerstag wurden jetzt die Fundamente für den Steinschlagzaun mit Beton gegossen. Zuvor wurden tiefe Löcher gebohrt. Darin befinden sich je drei Meter lange Anker, die mit Zement verpresst wurden, erklärte Polier Jonny Rentsch von der Firma Landeck. "Die sind für den Zaun sehr wichtig." Immerhin muss dieser es aushalten, herabfallendes Gestein abzufangen. In der kommenden Woche werden die Stützen gestellt und der Zaun aufgebaut. Diesen halten dann Seilanker, die zwischen drei bis fünf Meter lang sind.

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