Dramatisches Spiel der Kontraste
Bad Urach. Die kleine Kammermusik-Reihe im reizvollen Dachgeschoss der Schlossmühle begann mit Klaviermusik. Die Pianistin Henriette Gärtner faszinierte dabei am Freitagabend als Pianistin und Persönlichkeit.
Zum zweiten Mal ging an diesem Wochenende in der Kurstadt die "Kammermusik im Bürgerhaus" über die Bühne des Prof.-Dr.-Willi-Dettinger-Saals. Kulturreferatsleiter Thomas Braun ist es erneut gelungen, Interpreten zu verpflichten, die zwar nicht im Medien-Rampenlicht, jedoch für hohes künstlerisches Niveau stehen.
Diese Pianistin hätte mehr Publikum verdient an diesem Abend. Henriette Gärtner kommt aus dem Schwarzwald, kann als junge Frau auf eine sage und schreibe 30-jährige Konzertlaufbahn zurückblicken und führte die Zuhörer offen und herzlich durchs Programm. Frei erläuterte sie die Werke und ihre persönliche Sicht, indem sie etwa Mozarts berühmtes "Rondo alla turca" mit dem Konflikt zwischen der Habsburger Monarchie und dem Osmanischen Reich in Verbindung brachte und damit ihr langsameres Spiel begründete, das Raum zum Einfühlen lässt. Ihre Darbietung der bekannten A-Dur-Sonate KV 331 erwies sich als durchdacht und natürlich. Mit ihrem sicheren, differenzierten Spiel nahm sie den Hörer sanft bei der Hand, um ihn in Mozarts Welt zu führen. Gestochen scharf zeichnete sie den "Menuetto"-Satz als kleine Fantasie nach, unprätentiös stellte sie die Ambivalenz des Alla Turca dar.
Ihre besonderen Lieblinge sind die Unbekannten: in diesem Fall Charakterstücke aus Theodor Leschetizkys "Contes de Jeunesse" op. 46. Diese 1902 veröffentlichten meisterhaften Stil-Imitate des neben Liszt einflussreichsten Klavierpädagogen des 19. Jahrhunderts - zugleich Hommages an Czerny, Schumann und Chopin - bilden ein kleines Kompendium der Klavierstile des 19. Jahrhunderts, von Henriette Gärtner stilsicher vorgestellt mit perlender Geläufigkeit, romantisch entrückt und tänzerisch-ornamentiert.
An die Stelle der vorgesehenen Liszt-Tarantella setzte sie eine Wagner-Bearbeitung, "Isoldes Liebestod" in der Klavierfassung von Moritz Moszkowski. Hier zeigte sie, dass sie über Löwenpranken verfügt, die die klangliche Spannweite des Bechstein-Flügels in kontrolliertem Schwelgen in ihrer ganzen Fülle zur Entfaltung brachten.
Den zweiten Programmteil nahmen die "Bilder einer Ausstellung" in Modest Mussorgskis originaler Klavierfassung von 1874 ein, bei dem sie nicht den bahnbrechenden historischen Rang, sondern die erzählerischen und malerischen Qualitäten betonte. Bildhaft war nicht nur ihre Sprache, sondern auch ihr Spiel, farbig und plastisch wie ein 3-D-Animationsfilm. Griff sie beim "Zwerg" pianistisch noch zum Zeichenstift, wählte sie für "Das alte Schloss" Pastelltöne. Behende kamen die spielenden Kinder und die tratschenden Marktfrauen daher, mit Goldenberg und Schmuyle standen sich Reich und Arm arrogant und jammernd gegenüber, ungeduldig zappelten die Küchlein in den Eierschalen - die "Bilder" boten so ein dramatisches Spiel der Kontraste. In den Katakomben blieb die Musik fast stehen, und die "Hütte auf Hühnerfüßen" machte die Pianistin zum wilden Hexenritt, dessen explodierende Klanggewalt im "großen Tor von Kiew" unter Tastendonner und Glockenklang gebändigt wurde, aber am Ende auch spüren ließ, wie kräftezehrend dieser fast 40-minütige Zyklus ist.
Dennoch ließ sie sich durch frenetischen Beifall zu zwei Zugaben bewegen: Mit Peter Feuchtwangers "Tariqa Nr. 1" entlockte sie mittels einer speziellen Repetitionstechnik den Saiten einen neuen, gläsernen Klang, mit einem kessen pianistischen Step endete definitiv ein genussreicher Klavierabend.
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Autor: SUSANNE ECKSTEIN | 18.04.2011
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