Die verkaufte Braut
Wenn es um die Partnerwahl ging, war der Adel unsentimental. Die Ehe diente zuerst der Staatsraison und dem Machterhalt. Wie Württembergs Herzoginnen damit zurecht kamen, erzählt ein neues Buch.
Autor: REGINE LOTTERER |Große Männer machen Geschichte: Ein Satz, wie in Stein gemeißelt. Gleichwohl wird er dem komplexen Lauf der Historie nicht gerecht, schon allein deshalb, weil er eine Hälfte der Menschheit ausklammert. Eben jenem Teil widmet Gudrun Maria Krickl aus Grafenberg ihr neues Buch. Es trägt den Titel "Brautfahrt ins Ungewisse" und schildert das Schicksal von sechs württembergischen Herzoginnen.
Bei der Auswahl orientierte sie sich zum einen an jenen Epochen, die für die Geschichte Württembergs bedeutsam waren, wie etwa die Reformation oder der 30-jährige Krieg. Außerdem wählte sie jene Frauen aus, "deren Leben auch in einem Roman erzählt werden könnte". An den Beginn ihres Buches stellte sie selbstredend Barbara Gonzaga, die erste Herzogin des Landes. Anhand der Frauenschicksale möchte Gudrun Krickl unter anderem aufzeigen, wie sich das Hofleben veränderte. Zu diesem Zweck verfügt das Buch auch über zahlreiche Bilder, die illustrieren, wie sich Mode, Auftreten und Selbstverständnis der Herrscher wandelten. Immerhin erlebte Württemberg in der Zeit zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert zahlreiche Umbrüche: Das Herzogtum wechselte die Konfession, erlitt die Schrecken des 30-jährigen Krieges, huldigte einem absolutistischen Staatsmodell und erlebte am Vorabend der Befreiungskriege gegen Napoleon, wie sich die Deutschen allmählich als Nation begriffen, die nach Einigkeit und Freiheit strebte.
Mit ihrem Buch möchte Gudrun Krickl nicht zuletzt gegen jene Klischees anschreiben, die über das Leben bei Hofe existieren. Dokumente, die aufzeigen, wie der Alltag aussah, lassen sich in zahlreichen Archiven finden, sagt sie. Mit dem Leben der Herzoginnen hat sich das Gros der Historiker bislang jedoch nicht unbedingt intensiv beschäftigt. Mit den Zeilen von Gudrun Krickl erhalten die Herzoginnen nun Stimme, Tiefe und Profil. Obwohl die Autorin den Lauf der Geschichte aus der Sicht der Frauen bei Hofe betrachtet, will sie auch die Motivation der Männer vermitteln. Etwa, was Herzog Ulrich anbelangt, um dessen Ruf es zu seinen Lebzeiten wie auch bei den Nachgeborenen nicht zum Besten steht.
Seine Ehe mit Sabina von Bayern lässt sich treffend mit dem Begriff Desaster umschreiben, der Streit des Herzogpaares war immer wieder Gegenstand der Gespräche bei Hof und in der Öffentlichkeit. Ulrich, ein jähzorniger Mensch, trage an der Misere keinesfalls die alleinige Schuld, schreibt Krickl. "Sabina war einfach nicht die richtige Frau für ihn." Sie stand ihrem Gemahl in Sachen Streitbarkeit offenbar kaum nach, obendrein galt sie als scharfzüngig, aufbrausend und grob.
Trotzdem, letztlich besaßen die Herzöge die Macht, ihre Frauen hatten sich zu fügen. Manche Gemahlin kam das bitter an, zumal, wenn die Verbindung zu Beginn von gegenseitiger Zuneigung getragen war, wie etwa bei Sibylla von Anhalt und Friedrich I. Der Herzog vergnügte sich im Laufe der Jahre freilich mit zahlreichen Gespielinnen. Immer wieder führte ihm dabei Magdalena Möringer die Frauen zu. In ihrem Uracher Haus soll sie junge Mädchen beherbergt haben, mit denen sich der Herzog dann verlustierte.
Solche und andere Geschichten hat Gudrun Krickl in ihr 320 Seiten starkes Werk gepackt, für das sie seit September 2009 recherchierte. Mit dem Buch möchte sie das Schicksal jener Frauen ins Gedächtnis rufen, die in jungen Jahren aus Gründen der Staatsraison und des Machterhalts verheiratet wurden. Sie alle versuchten, in ihrer jeweiligen Situation ihre Würde zu bewahren. Verstehen lässt sich manches freilich nur mit Blick auf die Sitten, Gebräuche und Vorstellungen, die die jeweilige Epoche prägten. Ob heute jemand mit den württembergischen Herzogspaaren und ihrem privilegierten Leben tauschen wollte, mag nach der Lektüre jeder für sich selbst entscheiden.






