Das Ringen um die Landärzte

Bad Urach.  Noch ist Hoffnung. Das zumindest kann als Resumee der Podiumsdiskussion unserer Zeitung gezogen werden. Die ärztliche Versorgung auf dem Land muss kein Relikt aus alten Tagen bleiben. Gefordert ist die Politik.

Es ist eine Krise, die sich in Zahlen ausdrücken lässt: 26 Prozent der Hausärzte im Land sind über 60 Jahre alt, 20 Praxen im Landkreis sind unbesetzt, Tendenz steigend. Und in dem Maße, wie die Gesellschaft immer älter wird und deswegen auch mehr medizinische Vorsorge nötig hätte, gibt es weniger niedergelassene Ärzte. Ein Dilemma, dem sich am Donnerstagabend fünf Experten gestellt haben: Die Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Gesundheit, Annette Widmann-Mauz, AOK-Vorstandsvorsitzender Dr. Christopher Hermann, der Vorsitzende des Hausärzteverbandes Baden-Württemberg, Dr. Berthold Dietsche, der niedergelassene Arzt Dr. Eberhard Rapp aus Münsingen und Landrat Thomas Reumann. Sie stellten sich während einer Podiumsdiskussion dem Thema "Landärzte - Die ärtzliche Versorgung im ländlichen Raum" und den Fragen der beiden Moderatoren Dr. Martin Hofmann und Thomas Lebherz von der SÜDWEST PRESSE.

In vielen Fragen war sich das Podium durchaus einig. Die Gründe, die zur Landarztkrise geführt haben, seien vielschichtig, hieß es. Der als Hausarzt tätige Eberhard Rapp hat diese Vielschichtigkeit dennoch etwas zusammengefasst: "Das fängt an mit dem Geld." Über die Jahre hinweg sind die Einkommen der Hausärzte gesunken, was sich aber inzwischen wieder gebessert hat, so Rapp. "Wir verdienen jetzt wieder etwas mehr als Assistenzärzte in einer Klinik." Aber auch die Dienstbelastungen müssten gerechter verteilt werden. Es könne nicht sein, dass ein Arzt aus Sonnenbühl 20 Notdienste übernehmen muss, während im gleichen Zeitraum ein Reutlinger Arzt nur zwei oder drei davon abdeckt. Zudem sei die Zukunft der Medizin weiblich, doch Familienplanung und Karriere lasse sich als Hausärztin wegen bürokratischer Hemmnisse nicht vereinbaren, sagte Rapp, und an Annette Widmann-Mauz gerichtet: "Da ist der Bund dirigistisch und autoritär gefordert."

Bei aller Sorge um den ländlichen Raum hat die in der Berliner Politszene heimische Parlamentarische Staatssekretärin ebenjenen, also den ländlichen Raum, als Mitschuldigen an dieser Misere ausgemacht: Schwer vorstellbar, dass ein Großstädter nach Studium und möglicherweise LTT-Erfahrung seine ebenfalls urbane Akademiker-Ehefrau dazu überreden kann, in ein Dorf auf die Alb zu ziehen, um dort eine Landarztpraxis zu führen: "Wir brauchen neue Formen der Medizin." Das beginne beim Studium. Annette Widmann-Mauz forderte beispielsweise mehr Studienplätze und die Herabsenkung des Numerus Clausus, nahm aber auch die Regionen in die Pflicht, an den Rahmenbedingungen selbst zu basteln. Den Landkreis Reutlingen beglückwünschte sie, in dieser Hinsicht mit der kommunalen Gesundheitskonferenz den richtigen Weg eingeschlagen zu haben.

In einer vielfach von Fachbegriffen geprägten Diskussion, die so manchen Nichtmediziner unter den Zuhörern strapazierte, waren die Ausführungen des Landrats aus zweierlei Gründen erholsam, weil sie a) verständlich und nachvollziehbar waren und b) dokumentieren, dass zumindest die kleine Politik vor Ort die Probleme erkannt hat und diese auch angeht. Sechs Handlungsempfehlungen umfasst das Akutprogramm des Landkreises: 1. Die Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung soll nicht auf Landkreisebene basieren, sondern kleinräumiger strukturiert sein. 2. Finanzielle Anreize für Hausärzte in Form von innovativen Kooperationsmodellen, die günstige Kredite ebenso vorsehen wie Angestelltenmodelle, die vor allem Teilzeitjobs zulassen. 3. Weniger Bürokratie: Fachangestellte (keine Ärzte) könnten gewisse Aufgaben übernehmen. 4. Marketing-Aktionen zur Nachwuchswerbung. 5. Die Allgemeinmedizin soll stärker in die universitäre Ausbildung eingebunden werden. 6. Eine Task Force in Form von Ärzten im Ruhestand, Klinikärzte oder Ärztinnen im Erziehungsurlaub soll bereit stehen und notfalls in unterversorgten Gebieten eingesetzt werden können.

AOK-Vorstandsvorsitzender Hermann lobte die Strategie des Landkreises, übte gleichwohl Kritik an der großen Politik: 20 Jahre wurde nur zugeschaut, der Hausarzt als Billigheimer entdeckt. Dass die Politik eine Bedarfsplanung zu Gunsten der ländlichen Gebiete erstellt, etwa in Form des Landarztgesetzes (Versorgungsstrukturgesetz), hält er für falsch: Das wäre etwas für Planungsfetischisten. Er plädiert für regional zugeschnittene Lösungen und für höhere materielle Anreize für Ärzte. Ähnlich sieht es der Vorsitzende des Hausarztverbands, Dr. Berthold Dietsche: Bedarfsplanung bringt nichts. Das habe es in östlicheren Bundesländern früher schon erfolglos gegeben. Eine Aufhebung der Residenzpflicht hingegen ist begrüßenswert. Ebenso die Gründung hausärztlicher Gemeinschaftspraxen mit der Möglichkeit, Kollegen anstellen zu können. Der Gesetzgeber solle dafür endlich die Rahmenbedingungen schaffen.

Info Weitere Bilder unter swp.de/metzingen/bilder


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