Zart schmelzender Klang und dunkle Farben

Ein verkanntes Juwel? Die Blessing-Orgel der Dettinger Stiftskirche wurde ins Licht gerückt von dem Organisten Thorsten Hülsemann aus Künzelsau , dem Ensemble musica viva aus Stuttgart und drei Hornisten.

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Dettingen besitzt bekanntlich eine Orgel aus der Zeit der Romantik, erbaut 1866 von Wilhelm Blessing. Mit ihrem unverändert erhaltenen Klangbild steht sie unter Denkmalschutz.

Dieses rare Instrument nutzte der mit dem Dettinger Stiftskirchen-Pfarrer Tobias Gentsch bekannte Künzelsauer Bezirkskantor Thorsten Hülsemann. Er spiele darauf - ohne Honorar - zugunsten der derzeit über die Bühne gehenden Kirchenrenovierung, und zwar Werke des Romantikers Josef Rheinberger. Während Rheinbergers Solowerke für Orgel relativ bekannt sind, kommen seine zwei Konzerte für Orgel und Orchester eher selten zur Aufführung. Umso beachtlicher, dass Hülsemann und das Ensemble musica viva Stuttgart sich dieser ungewöhnlich besetzten Werke annehmen. Gleich alle beide führten sie nun auf, das Orgelkonzert in F-Dur op. 137 (gedruckt 1884) und das in g-Moll, op. 177 (1894).

Mutig. Beide Konzerte, thematisch bunt und nicht so elegant gesetzt wie die ähnlich besetzte Orgelsinfonie von Saint-Saëns, bergen Risiken. Zunächst die Koordination in Intonation und Zusammenspiel: Die gelang tadellos, Konzertmeisterin Sabine Kraut leitete stehend das ganze Ensemble. Als schwieriger erwies sich die Klangbalance: Statt des erwarteten (und vom Komponisten gemeinten) Sinfonieorchesters trat das Ensemble musica viva als Kammerensemble an: Sechs Violinen, zwei Violen, Cello und Kontrabass - zwar beweglich und transparent, doch in puncto Lautstärke ohne Chance gegenüber Orgelpedal, Pauke und den zwei beziehungsweise drei (!) Hörnern, die Rheinberger wohl als Bindeglied zwischen Orgel und Streichern vorschreibt. Die drei jungen Hornisten machten ihre Sache sehr gut, allerdings konnte man die Aufführung beider Stücke durchaus als Konzert für zwei (beziehungsweise drei) Hörner, Orgel und Streicher hören.

"Weich, voluminös, himmlisch, träumerisch" sollte das Klangbild sein. Ja, das war es wirklich, zeitweise. In gut ausbalancierten Momenten konnte man einen besonderen, zart schmelzenden Klang erleben: Hülsemann zog die zugleich fülligen und zart tremolierenden Register, mit denen sich der Streicherklang reizvoll mischte.

Einen raffinierten Effekt ergab auch die Grundierung des bewegten Streicherparts durch den eher starren Ton des Orgelpedals. Faszinierend auch die Solo-Passagen der Orgel, in denen Hülsemann die charakteristischen Romantik-Register zur Geltung brachte.

Um die speziellen Qualitäten der Orgel deutlicher hervorzuheben, hätte ein ergänzendes Solostück aus ihrer Entstehungszeit gut gepasst; die Auswahl ist groß. Um die Rheinberger-Konzerte herum wurde Barockes musiziert. Händels Orgelkonzert F-Dur "Der Kuckuck und die Nachtigall" bezauberte mit allerliebsten Vogel-Flöten, das Streicherensemble konzertierte mit der Orgel lebhaft im barocken Stil, obwohl sie dafür eigentlich nicht gebaut ist. Die Mitte nahm ein Werk für Orgel solo von Johann Sebastian Bach ein: Präludium und Fuge c-Moll BWV 549, technisch nicht ganz lupenrein ausgeführt, überwiegend ins opulente Klanggewand des 19. Jahrhunderts gehüllt. Hat man so einst Bach gehört?

Zum Schluss wurden die Moll-Harmonien des zweiten Rheinberger-Konzerts in dunklen Pedal-Farben und mit düsteren Paukenwirbeln zu machtvoll-monumentaler Erhabenheit gesteigert. Herzlicher Beifall, eine Zugabe.

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